schlechtes Karma

Nachdem ich die letzten zwei Tage mit der Rikscha in der Stadt unterwegs war, stand heute ein etwas aussergewöhlicher Auftrag auf dem Programm. In Kurzform ging es darum, dass ich bedruckte Radabdeckungen für ein Glacévelo verkaufte, die heute zu montieren waren.

Die Langform geht so: Anfang Juni wurde ich von einer Werbeagentur angefragt, ob ich bedruckte Radabdeckungen für ein Glacévelo herstellen und montieren könne. Klar, wieso nicht? Die Abmessungen sind zwar anders als an unseren Rikschas, doch prinzipiell sollte das problemlos machbar sein. Damals dachte ich, das wird eine kurze Sache sein, weil ja der Sommer direkt vor der Tür steht und ein Glacévelo wohl schon bald zum Einsatz kommen soll. Doch weit gefehlt...

Es zog sich hin und eigentlich hatte ich die Sache schon vergessen, als dann im August erneut ein E-Mail aufschlug. Es werde jetzt konkret und ich solle doch bitte ein Angebot unterbreiten. Kein Problem. Obwohl ich keine Massangaben hatte, offerierte ich die Geschichte (ist ja schnell gemacht). Danach wieder Funkstille.

Dann folgte im September eine Massangabe und ich zeichnete rasch eine Druckvorlage auf, welche ich umgehend zurückschickte. Zwei Wochen später kamen dann die Druckdaten mit ein paar Zusatzfragen. Alles kein Problem. Nur: Ich sollte langsam aber sicher auch einen Auftrag dazu erhalten. Das brauchte dann nur zwei Wochen. O.K. Die Radabdeckungen wurden produziert und trudelten schon bald bei mir ein. Ich fragte also mal nach, wann und wo diese Abdeckungen denn zu montieren sind. Es brauchte nur drei Termin- und Standortverschiebungen bis endlich klar war, heute, am 18.10.2019, soll es endlich soweit sein. Ich wurde in eine Messehalle bestellt.

Am kommenden Wochenende findet die VeggieWorld - Die Messe für den veganen Lebensstil in Oerlikon statt und da wird das Glacévelo an einem Stand zu sehen sein. Ich musste etwas schmunzeln... VeggieWorld... Karma... das passt!

Mir, als Fleischfresser, wird also gleich ein schlechtes Karma angehängt, weil ich Tiere eben nicht nur streichle sondern auch esse. Das ist genau einer der Punkte, die mich an dieser Esskultur stört. Da wird gleich ge- und verurteilt: Vegan = gut, alles Andere = böse. Von mir aus soll jeder essen, was er will. Ich finde einen vegetarischen oder veganen Lebensstil interessant und sinnvoll. Es sind einfach diese halb-sektiererischen Ansichten, die mich nerven. Nur weil man keine tierischen Produkte isst oder verwendet, ist man nicht zwangsläufig ein besserer Mensch mit viel positivem Karma...

Es ist halt wie überall: Man will etwas verkaufen und dafür braucht es knackige Aussagen und tolles Marketing. Und der Produktname "Karma" transporiert in einem einzigen Wort ein ganzes Konzept und eine Weltanschauung in der jede Handlung – physisch wie geistig – unweigerlich eine Folge hat. Und weil Tiere töten und essen hier als böse, unethisch und verantwortungslos angesehen wird, sieht es also nicht gut aus für mich... ziemlich schlechtes Karma...

am Bodensee

Heute hatte ich einen anstrengenden (aber lohnenden) Arbeitstag. Zuerst standen in Zürich drei Stadtrundfahrten auf dem Programm und dann fuhr ich mit der Rikscha im Transporter nach Kreuzlingen für eine Hochzeitsfahrt.

An solchen Tagen bin ich innerlich etwas angespannt, denn es muss alles so ablaufen wie geplant. Meist ist diese Anspannung unbegründet, denn ich bin ein guter Planer und Erfahrungswerte habe ich auch, denn ich war dieses Jahr bereits einmal in Kreuzlingen und wusste deshalb ziemlich genau, wie lange der Transport braucht und wo ich parken kann. Die einzige Unbekannte war also das Verkehrsaufkommen und ob ich irgendwo im Stau stecken bleibe.

Es hat dann alles wunderbar und reibungslos funktioniert. Die Hochzeitsfahrt wurde sehr geschätzt und alles war gut. Nach solchen Tagen fühle ich mich irgendwie beschützt und gesegnet. Ich muss nicht mit bösen Überraschungen rechnen... Solange ich locker und mit positivem Geist an die Sache herangehe, werden sich auch die Umstände entsprechend richten.

Einsparungen

Rein geschäftlich läuft dieses Jahr ja nicht so rosig und mit dem Wegzug von Arjun bin ich nun der Einzige, der für alle Firmenkosten aufkommen muss. So überlegte ich mir natürlich, wie ich an dem einen oder anderen Ort Kosten einsparen könnte. Ein wichtiger Kostenfaktor sind die drei Parkplätze im Stadtzentrum.

Seit Januar 2014 sind wir da eingemietet. Die Garage liegt strategisch gut, das passt soweit. Im Laufe des Jahres habe ich mit einem anderen Mieter gesprochen und ab Oktober werde ich nun den vorderen Parkplatz untervermieten. Die 4 Rikschas und mein Motorrad haben auf den verbleibenden zwei Parkplätzen genügend Platz. So kann ich ab nächstem Monat 1/3 der Mietkosten einsparen. Das ist gut so.

anstehende Veränderungen

Mein Geschäftspartner kämpft seit ein paar Jahren mit persönlichen Problemen und sein Engagement hat sich dieses Jahr Nahe Null bewegt. Es war ein schleichender Prozess, den ich irgendwie nicht beeinflussen oder aufhalten konnte. Angebotene Hilfe hat er ausgeschlagen und irgendwann dachte ich: "gib ihm einfach Zeit. Das kommt dann schon wieder." Doch dem ist nicht so (leider). Schon im Frühsommer sagte ich ihm, dass ich bis September/Oktober ein klares Statement von ihm erwarte, wie er sich die Zukunft vorstellt. Einerseits warte ich noch darauf, andererseits glaube ich gar nicht mehr daran, dass er überhaupt eine Entscheidung trifft.

Bis Ende September sieht die Situation so aus, dass ich über 80% des Firmenumsatzes generierte und er die restlichen knapp 20% Prozent. Das heisst dann auch, dass ich 80% Prozent der Firmenkosten trage. Auf Dauer bin ich nicht gewillt, das so weiterzuführen. Entweder er ist Partner und engagiert sich dementsprechend oder ich ziehe das Ding alleine durch. Alleine hätte ich Möglichkeiten um Kosten einzusparen und so bliebe mir effektiv mehr Geld als heute. Und dieses "mehr" kann durchaus der Unterschied von "sehr wenig" zu "genügend" sein.

Natürlich bin ich enttäuscht. Er war es, der mich dazu motivierte um die Einzelfirma in eine GmbH umzuwandeln, damit er sich daran beteiligen kann. Ich wusste, dass dies einen höheren administrativen Aufwand und letztendlich mehr Kosten zu Folge hat, doch ich glaubte auch, dass wir zu zweit mehr erreichen können, als alleine. Tja, so kann man sich täuschen. Ausser Spesen nichts gewesen.

Wenn nun die ruhigere Rikscha-Zeit anbricht, kann ich mir vertieft Gedanken darüber machen, wie es weitergehen soll. Will ich nach sieben (mageren) Jahren als Rikschafahrer überhaupt weitermachen? Wenn ja, wie genau? Wenn nein, welche beruflichen Optionen habe ich denn überhaupt noch? Es öffnet sich also wieder einmal ein weites Feld...

Auch wenn ich mir diese Situation nicht gewünscht habe, so mag ich dieses "weite Feld" von Möglichkeiten. Es wird Zeit, wieder mal etwas kreativer über die Zukunft nachzudenken als "weiter wie bisher"... Das finde ich spannend.

Coop-Event

Vor zwei Monaten kriegte ich einen interessanten Auftrag von Coop. An einem Tag sollen in Basel, in Zug und in Zürich je zwei Rikschas unterwegs sein und Fahrgäste zu den "Coop to go" Filialen zu fahren.

Zürich und Zug konnten wir mit unseren eigenen Rikschas abdecken. In Basel arbeiteten wir mit einem anderen Rikschaunternehmen zusammen. Für mich gab das ziemlich viel Arbeit. Ich kümmerte mich um die Bedruckung und Dekoration der Rikschas für Zug und Zürich, organisierte die Fahrer und versuchte alles irgendwie unter Kontrolle zu haben. Am Event-Tag fuhr ich mit einem Miettransporter schon vor 06:00 Uhr nach Zürich um die zwei Rikschas für Zug einzuladen. dann holte ich den zweiten Fahrer ab und wir machten uns auf den Weg nach Zug. Dort standen 9 Stunden Präsenz auf dem Programm. Wir fuhren Rikscha und verteilten Flyer an die Bevölkerung. Abends dann alles wieder zurück und bis ich dann zuhause war, war es kurz nach 21 Uhr... Anstrengend... doch immerhin gut bezahlt.

neue Webseite

Seit etwa einem Monat beschäftige ich mich mit dem Aufbau einer neuen Webseite für Bike Butler. Natürlich soll alles schöner, moderner und mehr interaktiv werden - wie immer, wenn man ein solches Projekt startet ;-)

Das Hauptaugenmerk liegt jedoch auf "responsive Design" oder "Mobile first". Das heisst in Deutsch: Das Erscheinungsbild der Webseite soll nach Möglichkeit immer gleich sein, egal ob mit PC, Tablet oder Smartphone darauf zugegriffen wird. Die Darstellung soll sich also automatisch an die verschiedenen Grössen (Auflösung) der Displays anpassen. Weil immer mehr Menschen mit Handys im Internet surfen liegt der Fokus also auf der Darstellung für kleine Displays.

Zusätzlich möchte ich eine Newsletter-Funktion integrieren und ab nächstem Jahr dann jeden Monat ein E-Mail an Kunden und Interessierte versenden, in dem auf Neuigkeiten hingewiesen wird. Das soll dann wiederum mehr Besucher auf die Webseite bringen.

Es gibt also viel zu tun und deshalb verbrachte ich in den letzten Wochen viel Zeit vor dem PC. Den aktuellen Stand meiner Arbeiten kann man sehen, wenn man auf das obige Bild klickt. Der Aufbau der neuen Seite passiert also parallel zur bestehenden Webseite. Wenn dann mal alles fertig ist, wird die alte Seite durch die Neue ersetzt. Klarerweise ist derzeit noch nicht alles fertig (und bis jetzt alles nur in deutsch). Trotzdem würde ich mich über Kommentare dazu freuen.

vor 1 Jahr

Vor einem Jahr startete ich meine Sommerreise 2011, in den Süden von Italien und wieder zurück. Es war eine bewusste Auszeit aus meinem bisherigen Leben und ein kleines, kontrolliertes Abenteuer. Es sollte mir Raum geben um mich später beruflich neu zu positionieren und so quasi den Start in meine zweite Lebenshäfte einläuten.

In den nächsten zwei Monaten werde ich wohl öfters in der linken Seitenleiste einen Tagesbeitrag anklicken und mich gerne an die gemachten Erlebnisse zurückerinnern. Es war eine schöne, sorgenfreie Zeit...

Doch das Leben besteht ja nicht nur aus Ferien und eine Auszeit bedingt irgendwann einen Wiedereintritt in die Arbeitswelt. Auf keinen Fall wollte ich wieder zurück in die Telekommunikation. Keine Grossfirma mehr und kein acht Stunden Bürojob. Über zwanzig Jahre lang fühlte ich mich beruflich unwohl, doch ich brauchte das Geld. Es war der einfachste Weg um mit geringem Aufwand eine angenehme Summe zu verdienen, die es mir in der Freizeit ermöglichte das berufliche Unbehagen zu kompensieren. Und so wusste ich zwar was ich nicht mehr wollte, was ich aber wirklich will, das wusste ich damals nicht und auch heute weiss ich das nicht wirklich. Ich bin nun am Versuchen, am Ausprobieren.

Die gestartete Rikschageschichte ist nun ein erster ernsthafter Versuch. Natürlich habe ich mir die Sache einfacher und erfüllender vorgestellt als es sich mir bisher zeigt, doch der Versuch dauert noch mindestens bis zum Herbst. Eine Sommersaison lang will ich das schon durchziehen, bevor ich resümiere. In der Zwischenzeit ist mir aber schon ziemlich klar geworden, dass das Rikschageschäft unter 15° Grad Aussentemperatur nicht funktioniert, sprich im Winterhalbjahr muss ich irgenwie sonst Geld für meinen Lebensunterhalt verdienen. Sollte ich beim Rikschathema bleiben, wird mein Arbeitsjahr also noch einen Zweitjob benötigen und das zwingt mich natürlich, bald schon wieder darüber nachzudenken, wo und wie ich meinen nächsten Versuch starten werde...

Es ist mir schon bewusst, weshalb ich so lange im ungeliebten Bürojob geblieben bin. Es war so einfach und so komfortabel. Mit voller Hose lässt sich gut stinken... Vor einem Jahr habe ich mich aber aus dieser klimatisierten Komfortzone verabschiedet und nun stehe ich im Wind. Das braucht Kraft... und ich werde ja auch nicht jünger...

Ich bin nicht enttäuscht über den Stand der Dinge. Es wäre ja zu einfach gewesen, wenn der erste Versuch gleich zum Volltreffer wird. Es ist ein Schritt. Ein Schritt der Annäherung an mich selbst. Und das ist ja vor allem wichtig. Ich will nicht aufgeben meinen Weg zu suchen. Vielleicht -oder hoffentlich- stellt sich irgendwann das Gefühl ein angekommen zu sein. Das wäre schön. So komplex wie ich innerlich jedoch funktioniere, werde ich wohl noch ein paar Versuche benötigen um all die Knoten aufzulösen... ich bleibe dran!

Geduld

Das Wetter will einfach nicht wirklich besser werden. Noch immer ist eher April- als Maiwetter. Am Montag war es noch knapp 18° Grad, heute kaum mehr 15 und morgen soll es dann regnen bei noch etwa 10° Grad. Wahrlich, für ein sonniges Rikschavergnügen braucht es noch immer Geduld...

Um meine Eigenwerbung etwas zu verbessern liess ich den Touristen-Tourenplan auf einen 85x55cm grossen Aufkleber drucken, den ich auf das Polster der Rückenlehne aufbrachte (Tagesbild). Zudem fuhr ich heute wieder einige Hotels an um Flyer zu verteilen. Ich bemühe mich wirklich, um das Geschäft anzukurbeln. Das Wetter kann ich aber nicht beeinflussen...

Zeitweise zweifle ich schon etwas... Es gibt nichts geschenkt... Bisher verkauft sich weder die Werbefläche wirklich gut, noch gibt es viele Leute, die in Zürich spontan Rikscha fahren wollen und auch die Resonanz auf die mittlerweile über 1'000 verteile Flyer ist sehr bescheiden. Da könnte man schon ins Grübeln geraten.

Auch wenn es mir nicht immer leicht fällt, so will ich mir dieses Grübeln aber etwas verbieten. Nachdenken was ich besser machen kann ist o.k., doch frustriert zu sein liegt nicht drin. Es ist einfach noch nicht an der Zeit um irgendwelche Schlüsse zu ziehen. Ein harziger Start ist noch kein Misserfolg. Ich brauche Geduld. Mindestens bis Ende September will ich mir und meinem Rikscha-Projekt Zeit geben. Erst nach einem vollständigen Sommer kann ich die Sache erst wirklich beurteilen. Anfang Oktober sind zwei Wochen Ferien geplant und dann -am Strand- werde ich etwas Distanz kriegen und dann erlaube ich mir auch Schlüsse zu ziehen. Bis dahin muss ich positiv bleiben und mich in Geduld üben.

freier Mittwoch

Heute ist es ziemlich regnerisch und deshalb bleibe ich zu Hause und fahre nicht mit der Rikscha durch Zürich. Das tut mir bestimmt gut, denn gestern war einer dieser berüchtigten Dienstage. Berüchtigt deshalb, weil seit Beginn meiner Rikschazeit immer die Dienstage die schwächsten Tage sind. Irgendwie will an einem Dienstag einfach niemand Rikscha fahren. Wieso dass es Dienstage und nicht Montage sind, weiss ich nicht...

Das wird zusehens zu einer Nervensache. Ich muss mich davor hüten, nicht schon von vorneherein Dienstage als schlechte Tage zu betrachten. Somit würde ich keine positiven Signale aussenden und damit wohl auch keine unentschlossenen Kunden gewinnen können. Denn davon bin ich überzeugt: Wenn jemand zwar interessiert aber noch unentschlossen ist, so lässt er sich oftmals vom Gefühl leiten und wenn seine Gefühlsantennen von mir nicht positive und einladende Impulse empfangen, so sieht er davon ab und geht weiter. Gerade deshalb ist es so wichtig, dass ich auch in schwierigen Phasen offen und positiv bleibe.

Das ist wirklich ein grosser Unterschied zu meinem früheren Bürojob. Da konnte ich mich an einem schlechten Tag hinter meinem Monitor verkriechen und und mental den Tag abstreichen. Abends verdiente ich dann ganz genau gleich viel, wie wenn es ein guter, positiver Tag gewesen wäre. Nun, bei einem Arbeitstag in der Öffentlichkeit, unter steter Beobachtung und angewiesen auf positives Kundenfeedback ist das ganz anders. Da sollte ich auch dann noch Zuversicht und Freude ausstrahlen, wenn ich schon stundenlang ohne Kunde war und mich eigentlich eher etwas gefrustet und niedergeschlagen fühle. Das braucht richtig Energie und mentale Anstrengung. Gerade deshalb schadet es nicht, wenn es heute Montag regnet. Ich kann meine Batterien wieder aufladen und morgen wieder frohen Mutes ans Werk gehen. Zudem verspricht der Wetterbericht sönnige und warme Tage... Sehr gut!

ein Jahr später...

Gestern Abend bin ich über zwei Blogbeiträge gestolpert, welche links unter der Rubrik "Vor 1 Jahr" angezeigt wurden. Es waren dies die Beiträge "man sah es kommen" und "genauer betrachtet". Boah... Schon ein Jahr ist es nun her... es lohnt sich, etwas darüber nachzudenken.

Bis Ende August war ich geistig mit dem Thema "Sommerreise 2011" völlig ausgelastet. Zuerst die Planung, dann die Durchführung meiner Veloreise durch Italien beanspruchten mich voll und gaben mir wie gewünscht den nötigen Abstand zu meiner beruflichen Vergangenheit. Es gab sehr viele neue Eindrücke und es tat mir gut, etwas alleine zu sein. In der Fremde, ohne Pflichten, nur mit Möglichkeiten.

Obwohl ich eigentlich plante insgesamt drei Monate unterwegs zu sein, war ich dann schon nach zwei Monaten wieder zu Hause. Die geplante Strecke habe ich dabei wie geplant abgefahren, doch eigentliche Pausen machte ich keine. Ich bin einfach zwei Monate lang Velo gefahren. Als ich wieder zu Hause war, war ich mir deshalb nicht im Klaren, wie ich das werten sollte. War es nun eine Niederlage? Ein nicht aushalten der Einsamkeit? Ein Versagen, auf Fremdes einzugehen und wirklich einmal eine längere Pause zu machen um mir und dem Fremden eine Chance zu geben um aufeinander zuzugehen? Oder wie war das nun? Trotz all der schönen Erlebnisse zog es mich einfach förmlich nach Hause. Hier ist mein Platz. Hier gehöre ich hin... Ich liess in mir die Antwort auf Erfolg oder Misserfolg einfach offen. Es ist egal und es ist gut so, wie es ist. Die Reise war toll, ein wirklich einmaliges Erlebnis, welches so in meinem Leben wohl nie mehr vorkommen wird.

Die wertvollste Erfahrung der ganzen Reise war das sich aufbauende Gefühl, dass es das Schicksal gut mit mir meint. Ich hatte fast immer perfektes Velowetter, nie eine ernsthafte Panne oder einen Unfall, ich erlebte keine gefährlichen Momente und fühlte mich nie unsicher. Immer wieder begegnete ich freundlichen Menschen und immer, wenn ich mal an meine Grenzen kam, öffnete sich irgendwo eine Tür und meine dringendsten Bedürfnisse wurden befriedigt. Das Ganze ist schwierig zu beschreiben, doch es gab mir ein gewisses Ur-Vertrauen. Ich brauche mir nicht zu viele Sorgen machen, sondern kann positiv darauf vertrauen, dass es das Schicksal gut mir mir meint. Es lauern mir keine Diebe auf und niemand will mir etwas Böses. Ich selbst sende Freude, Frieden und Freundlichkeit aus und genau das begegnet mir auch in der Aussenwelt. - Eine wirklich wertvolle Erfahrung...

Dann geschah etwas Komisches. Kaum zuhause wollte ich mir eigentlich ein gebrauchtes Auto kaufen. Ich hatte eine ziemlich klare Vorstellung davon und klapperte dafür verschiedene Autohändler ab, doch mein Herz wurde einfach nicht warm. Plötzlich ein Geistesblitz: "Vergiss bei all den verstopften Strassen ein Auto! Kauf ein Motorrad!" Ein Sekundenentscheid und drei Tage später kaufte ich mir wirklich ein Motorrad. Ich wusste, dass der Winter vor der Türe stand und dass dann ein Motorrad in der Nordschweiz nicht unbedingt eine gute Wahl ist und trotzdem: "Vergiss den Verstand, höre auf dein Herz und schenke ihm Vertrauen!"

Im Herbst befriedigte ich dann meine schöpferischen Bedürnisse mit dem Neubau unseres Gartenhauses. Mit den eigenen Händen etwas erschaffen. Etwas planen und dann pickeln, schaufeln, Holz sägen, bohren, schrauben - wunderbar! Wie öde ist doch dagegen der stets gleiche viereckige Computerbildschirm, vor dem ich nun Jahre gesessen bin....

Dann folgte die Job-Geschichte. Auch die war ziemlich speziell. Nach der grenzenlosen Freiheit des Sommers fürchtete ich mich etwas vor all dem Undefinierten und deshalb bewarb ich mich bei den Zürcher Verkehrsbetrieben als Tramfahrer. So rein kopfmässig erfüllte dies viele meiner Anforderungen, wie z.B.: Eine positive Dienstleistung erbringen, mithelfen den Ölverbrauch zu senken, einen sinnvollen Beitrag an die Gesellschaft leisten und mich in ein klar geregeltes und strukturiertes Umfeld einzugliedern. Das war so meine Ausgangslage. So ein komisches Vorstellungsgespräch wie das bei der VBZ hatte ich zuvor noch nie erlebt. Die zwei anwesenden Personen redeten fast eine Stunde auf mich ein und versuchten mich krampfhaft davon zu überzeugen, dass dieser Job nichts ist für mich. Rein formal konnten sie eigentlich nichts gegen meine Bewerbung unternehmen, doch aus ihrer Sicht würde ich einen grossen Fehler machen, wenn ich wirklich als Tramfahrer arbeiten wolle... komisch... Na ja, sie erreichten ihr Ziel und ich zog meine Bewerbung zurück. Ich dachte: Scheinbar ist dieser Job wirklich über-reglementiert und ich würde mich da bald eingeengt und unwohl fühlen. Also lass ich es lieber...

Hmmm... was nun? Ich hatte keine Ahnung. Es war deshalb angezeigt, dass ich mich professionell beraten lasse und deshalb meldete ich mich für eine "Standort- und Laufbahnberatung" an. Dabei lernte ich einen interessanten Menschen als Berater kennen, welcher mich aber ganz geschickt auf mich selbst zurück warf. Es sei nun wirklich an der Zeit um nur mir, meiner Vergangenheit, meinen Fähigkeiten und meinen Lebenswünschen zu vertrauen. Ich sei ein Mensch mit grossen Freiheiten und deshalb empfehle er mir, mich diesen Freiheiten zu stellen, diese zu nutzen und mich nicht voreilig in Abhängigkeit zu stürzen, nur um etwas Sicherheit zu erlangen. Freiheit heisst Unsicherheit. Sicherheit begrenzt immer irgendwie die Möglichkeiten...

Tja, und da bin ich nun. Ein Jahr nach meiner Kündigung als (wie hiess das doch gleich?) "Information Technology Outsourcing Service Delivery Consultant" bin ich zum ganz einfachen Rikschafahrer geworden. Ich wurde mein eigener Chef und fange ganz klein an. Ohne Hierarchie und ohne Prozesslandschaft. Das Wetter beherrscht meinen Arbeitsrhythmus und freundliche Menschen bestimmen mein Einkommen.

Ich will ganz ehrlich sein. Ich fürchte mich noch oft vor all der Freiheit und spüre auch manchmal Angst, dass alles schief gehen könnte und ich in ein paar Jahren als gestrandete Existenz beim Sozialamt lande. Doch schon wenn ich das schreibe muss ich schmunzeln und weiss irgendwo in mir drin, dass dies nicht der Fall sein wird, dass es bestimmt besser herauskommt. Nun breitet sich vor mir dieses grosse Lernfeld aus, welches so viele Blumen bereit hält, die man nur mit dem Verstand alleine nicht pflücken kann. Es braucht Mut, Freude, Bescheidenheit, Beständigkeit, Friede im Herzen und vor allem: VERTRAUEN.

Ich bin froh, dass ich mich aus meiner Komfortzone getraut habe und viele Sicherheiten hinter mir gelassen habe. Ich will nicht eines Tages auf dem Sterbebett liegen und denken: "Hätte ich doch..." Nein, nun ist es an der Zeit mich vor zu wagen, ohne Übermut und ohne leichtsinnige Risiken einzugehen. Dazu ist mein Vorhaben mit dem Rikschataxi ganz wunderbar geeignet. Es gibt mir alle Freiheiten, ohne dass die Risiken wirklich gross sind. Ich profitiere auch davon, keine grossen Verpflichtungen zu haben und so auch magere Monate oder Jahre überstehen zu können.

Und so komme ich zum Schluss dieses Beitrags wieder zu der Aussage: "Das Schicksal meint es gut mit mir." Heute bin ich zum Beispiel sehr froh, kein Auto sondern ein Motorrad gekauft zu haben. Meine täglichen Fahrten in die Stadt zur Rikscha-Garage bestätigen dies immer wieder. Das ist wieder so ein kleiner Punkt, der mich tiefer Vertrauen lässt. Der mir sagt: "Vertraue deinem Herzen und nicht auf deinem Verstand! Der Verstand ist gut um zu rechnen oder logische Zusammenhänge zu erkennen. Vom Leben und von der Zukunft hat er jedoch keine Ahnung. Der Verstand befasst sich immer nur mit der Vergangenheit und wenn du in Zukunft andere Ergebnisse erzielen willst als in der Vergangenheit, so höre auf dein Herz und vertraue ihm!"