vollständig, stimmig und rund

nochmal: leuchtende Herbstfarben
nochmal: leuchtende Herbstfarben

Bin wegen des wechselhaften Wetters auch heute zuhause geblieben und als sich dann am frühen Nachmittag doch noch für einen Moment die Sonne zeigte, machte ich einen kurzen Spaziergang ins Dorf um ein paar Kleinigkeiten einzukaufen.

Auf dem Rückweg hing ich etwas meinen Gedanken nach und weil das so stimmig war, machte ich noch einen kleinen Umweg. Man sah schon die nächsten dunklen Regenwolken herannahen. Ich wollte diesen schönen Spätherbstmoment vollständig auskosten. Was gibt es denn besseres, als mit den ersten Regentropfen nach Hause zu kommen um dann in der warmen Stube einen frischen Kaffee zu trinken und zu sehen, wie es draussen regnet? ;-) . Alles richtig gemacht. Trendbewusst und mit einem schelmischen Zwinkern könnte man das auch "successful living" nennen. :-D

Der heutige Titel beschreibt eigentlich ziemlich gut meinen inneren Zustand der letzten Wochen. Momentan gibt es für mich sehr wenig Pflicht. Es gibt Vieles, was ich tun könnte, doch Nichts was ich unbedingt erledigen muss. Und weil ich nun ziemlich viel Zeit habe, packe ich auch kleine Dinge an, die nie wirklich wichtig genug waren, dass ich mich echt darum gekümmert hätte. Und interessanterweise erzeugen solch erledigte Kleinigkeiten ein rundes und stimmiges Gefühl.

I'm blue

blau und violett - meine Lieblingsfarben

Auch heute war es grau und trüb, doch es regnete immerhin nicht mehr. Feuchte Wolken hingen in den umliegenden Hügeln. Es ist kalt geworden. Nichts mehr mit kurzen Hosen oder Kurzarm-Shirt...

Dennoch. Ich wollte nicht den ganzen Tag drinnen vor dem PC verbringen und deshalb schwang ich mich im Laufe des Nachmittags doch noch aufs Bike. Ich hatte nichts grosses vor. Auch wollte ich nicht das -am Sonntag so fein säuberlich geputzte- Bike wieder völlig einsauen. Es ging mehr darum, um überhaupt etwas nach draussen zu gehen und etwas frische Luft zu schnappen. Eine Art Bewegungstherapie. ;-)

Da eignet sich eine Fahrt ans Pistenende ganz gut. Hin und zurück sind das etwa 25 Kilometer, ein Hügelzug ist dabei zu überqueren, was knappe 400 Höhenmeter bringt. Mit Kaffeepause etwa zwei Stunden frische Luft, knapp eineinhalb Stunden in Bewegung. Das passt. Ich bin dann also vorwiegend Strasse und Waldwege gefahren und dabei fiel mir auf, wie viel mehr Laub nun am Boden liegt. Der Wind und Regen der letzten Tage zeigt Wirkung. Schon bald sind die Laubbäume winterlich und blattlos.

Heute wollte ich mal nicht nur ein Bild meines Bikes und deshalb habe ich einen anderen Besucher der Imbissbude angequatscht, damit er ein Foto von mir, mit Bike, macht. Als ich mir das Foto dann angeschaut habe, musste ich richtig schmunzeln. Blau und violett sind ganz offensichtlich meine Lieblingsfarben. Das sieht man an mir, an meinem Bike und auch am Design dieses Blogs. Da kam mir natürlich unweigerlich der Song "I'm blue" von Eiffel 65 in den Sinn (leider kann ich nicht so toll tanzen wie die Girls in dem Video). Etwas erstaunt bin ich, dass mir das nicht schon früher einmal aufgefallen ist. Ich habe mir nie Gedanken darüber gemacht und es hat sich einfach so ergeben, ohne bewusste Wahl oder Entscheidung.

schlechtes Gedächtnis

Man kann durchaus behaupten, dass ich ein ziemlich schlechtes Gedächtnis habe. Es passiert mir z.B. andauernd, dass sich Fahrgäste bei der Begrüssung mit Ihrem Vornamen vorstellen und ich zwei Minuten später nicht mehr den geringsten Schimmer habe, wie sie heissen.

Heute war ich für eine Rundfahrt in Neu-Oerlikon gebucht. Wie immer war ich pünktlich vor Ort und schon bald traten meine Kunden an mich heran. Ich schaute mir die zwei Frauen an und war mir nicht bewusst, dass ich sie schon je zuvor gesehen habe. Während der Fahrt erzählten sie mir dann, dass sie nun schon zum vierten Mal mit mir unterwegs sind. Seit vier Jahren buchen sie immer im Herbst eine Rundfahrt und erkunden dabei immer einen anderen Stadtteil von Zürich. Im letzten Herbst seien wir gemeinsam durch Zürich West gefahren und das sei Ihnen noch in bester Erinnerung... Ehrlich? :shame: Ich sah mir die zwei Frauen nocheinmal an und stellte dennoch fest, dass da gar nichts klingelt. Meinerseits ist da nicht ein Hauch einer Erinnerung hängen geblieben. :shame:

Natürlich könnte ich jetzt rationale Gründe vorbringen wie: Ich fahre pro Jahr geschätzte 600 Mal Kunden mit der Rikscha durch Zürich. Ich sitze vorne und die Kunden sitzen hinter mir. Nur wenn ich Ihnen etwas erzähle oder beschreibe, drehe ich mich zu ihnen um und schaue in Ihre Gesichter. Die meiste Zeit schaue ich nach vorne, auf den übrigen Verkehr, auf Fussgänger und auf den Weg, den ich einschlagen möchte. Ich treffe so viele neue, mir unbekannte Menschen, dass ich sie mir unmöglich alle merken kann.

Die Wahrheit ist jedoch viel einfacher. Ich lege keinerlei Wert auf ein gutes Gedächtnis. Im Gegenteil: Ich liebe es zu vergessen! Vergessen macht glücklich! Was interessiert mich denn der Schnee von gestern? Das ist vorüber und vorbei.

Diese grundlegende Haltung habe ich schon seit vielen Jahren und das hilft dann in den Situationen, wie oben geschildert, überhaupt nicht. Natürlich ist mir das manchmal peinlich, doch so funktioniere ich nun mal. Obwohl in der Allgemeinheit ein gutes Gedächtnis und Erinnerungsvermögen als positive Eigenschaften gelten, so ist mir persönlich das überhaupt nicht wichtig. Ja, ich glaube wirklich, dass Vergessen ein wichtiger Bestandteil ist, um glücklich zu sein. Ich habe doch schon einige Menschen kennengelernt, die all die negativen Erfahrungen ihres Lebens einfach nicht vergessen können, verbittert werden und kaum mehr Lebensfreude finden. Das soll mir nicht passieren.

Das bringt mich dann auf diesen Blog, dem ich ja den Untertitel "externes Gedächtnis, seit 2005" gegeben habe. Ich erzähle hier vorwiegend positive Geschichten aus meinem Alltag. Das ist kein Mecker-Blog, wo ich meinem Frust Ausdruck verleihe und mich gross über Dinge auslasse, die mich stören. Das interessiert mich einfach nicht. Wenn ich hier in der Vergangenheit stöbere, dann lese ich gerne über die kleinen Dinge, die mich gefreut haben.

Natürlich ist auch bei mir nicht alles Friede, Freude, Eierkuchen. Es gibt auch ab und an mal kritische Beiträge oder ich berichte über Unfälle, Verletzungen oder Krankheit. Doch die Grundstimmung ist positiv. Sich ans Gute erinnern und das Schlechte vergessen, das finde ich einen praktikablen Lebensgrundsatz. Denn wenn es mir mal wirklich schlecht gehen sollte, dann kann ich mich hier an vielen positiven Beiträgen erfreuen und dadurch wird mir dann sicher (oder hoffentlich) bewusst, dass die grundsätzliche Bilanz positiv ausfällt. Diese Idee gefällt mir. :-)

das Nächste

Unser Denken kreist sehr viel um "das Nächste" um die nächste Erfahrung die wir machen wollen. Egal was wir schon alles erlebt und erreicht haben, es scheint nie genug oder einfach gut zu sein. Schon streben wir wieder vorwärts zum Nächsten. Dabei versuchen wir negative Erfahrungen zu vermeiden und positive Erfahrungen zu wiederholen oder zu steigern. Es ist ein Dilemma, ein Hamsterrad... liegt aber wohl in der Natur des Menschen.

Die nächsten Ferien, der nächste berufliche Erfolg, das nächste Auto, der nächste Kunde, das nächste neue Kleidungsstück... immer vermuten wir das Glück im Nächsten. Wir sind nie ganz zufrieden, nie wirklich erfüllt. Auch deshalb wollen wir möglichst lange leben und nicht sterben, denn es fehlt immer noch Etwas. Wir sind zwar meist sehr nahe dran, aber doch noch nicht ganz am Ziel...

Wir unterliegen einem Missverständnis. Wir wollen Licht ohne Schatten, immer Ferien, nie Hunger, keine Krankheit, nur Freunde und keine Feinde. Obwohl uns klar ist, dass dies nicht möglich ist, streben wir stetig danach. Es hängt wohl auch damit zusammen, dass wir unsere Erfahrungen andauernd bewerten. Richtig und falsch, gut und schlecht, schön und hässlich, gesund und ungesund, etc. pp. "Das Problem" dabei ist, dass es bei genauer Betrachtung keine absolut wahre Bewertung gibt. Was wir heute richtig, wahr und schön finden, kann uns in zehn Jahren langweilen. Wir wissen das und schieben es doch immer bei Seite. Was wir jetzt haben oder erleben kann noch so gut sein, "das Nächste" wird noch besser! Ich muss mich nur noch mehr anstrengen, besser, schneller und cleverer sein.

Das ist alles ziemlich ermüdend...

Weil ich diese Erkenntis schon vor einigen Jahren machte, versuche ich seither Dinge, Ereignisse und Erlebnisse weniger zu bewerten. Natürlich tauchen trotzdem wertende Gedanken auf, doch diese nehme ich nicht mehr so ernst wie früher. Sowohl im Negativen, wie auch im Positiven. Dinge geschehen einfach. Das Leben passiert. Egal, was ich darüber denke.

Ein Effekt dieser Haltung ist, dass eine gewisse Entpersönlichung stattfindet. Dinge passieren nicht mir, sondern sie passieren einfach. Ich fühle mich viel seltener persönlich angegriffen und zu einer Reaktion genötigt als noch vor ein paar Jahren. Ich werde weniger von Ereignissen getrieben und brauche nur noch sehr wenig Zeit um meinen Standpunkt zu verteidigen. Sehr oft habe ich gar keinen Standpunkt mehr... ;-) oder nur noch einen spontanen, der nicht auf sehr viel Hintergrund und Gedanken beruht. Ist auch nicht nötig.

Ich verbringe seither mehr Zeit mit "genauer hinsehen", mit "sich auf Dinge und Geschehnisse einlassen". Ich bin "live dabei" und nehme Anteil. Und weil es im Erleben keine Pause gibt, denke ich weniger über Vergangenes nach (und bewerte weniger). Interessant dabei ist, dass eine gewisse Intimität und Erfurcht entsteht. Es ist immer wieder unglaublich, wie sich Dinge entwickeln, wie viel Harmonie in allem liegt. Wie sich eins zum anderen fügt und wie viel unsichtbare Ordnung allem zu Grunde liegt.

Mittlerweile unterscheide ich zwischen "praktischem Leben" und "Sinnsuche, Philosophie, Religion, Metaphysik, etc.". Für das praktische Leben ist der Geist und das logische Denken perfekt. Hier ist auch der Platz für gut und böse, richtig und falsch. Sobald es aber um die Essenz, den Sinn, das Warum, Woher und Wohin geht, da gebe ich mein kleines Hirn nun am Eingang ab... das können keine Gedanken und Worte beschreiben. Das kann ich nicht verstehen und nur schon zu sagen, dass ich es erfahre ist eine Übertreibung. Ich kann es nur sein... was immer das heissen mag.

Regentag

Ich bin schon fast geneigt zu sagen: ENDLICH wieder einmal ein Regentag, an dem ich guten Gewissens zuhause bleiben kann. Der letzte freie Tag unter der Woche war der 17. Mai. Seither war ich immer 6 von 7 Wochentagen mit der Rikscha in Zürich unterwegs.

Natürlich gäbe es nun genügend Dinge, die ich fürs Geschäft machen könnte/müsste. Die neue Datenschutzverordnung verlangt nach Anpassungen an der Homepage und auch sonst gibt es noch einige Arbeiten, die ich angehen könnte/sollte.

Doch ich geniesse lieber diesen freien Tag. Am Morgen liess ich mir die Haare schneiden und ging kurz einkaufen. Seither sitze ich am PC und am Tablet und update beides auf den aktuellen Stand. Zwischendurch lese ich etwas und denke daran, einen Blogeintrag zu schreiben. Und da ist dann wieder diese Leere oder Unsicherheit. Was soll ich nur schreiben?

Ich könnte einige Dinge nacherzählen. Am letzten Sonntag waren wir z.B. mit Freunden mit einem kleinen Boot auf dem Rhein unterwegs, genossen den herrlichen Tag und badeten im Fluss. Das war ein wirklich sehr schöner Tag. Ich habe das Handy zuhause gelassen, deshalb habe ich keine Bilder davon.

Ansonsten setzt sich die, schon seit längerem stattfindende Veränderung zu mehr Stille fort. Das ist sehr schwierig zu beschreiben. Ich werte und beurteile Erlebtes immer weniger und deshalb erfahre ich mehr Stille und Akzeptanz. Ich mag nicht mehr alles benennen und somit Etiketten ankleben, will mich auch nicht allzu lange mit Erlebtem/Gesehenem/Gehörtem/Gelesenem aufhalten, denn schon zeigt sich der nächste Augenblick, den ich auch wieder mit Frische erleben möchte. Da stören allzu viele Gedanken und Worte nur. So erscheint mir das Leben intensiver. Ich habe das Gefühl, mehr bei "der Sache" zu sein und weniger Gedanken und Vorstellungen nachzuhängen.

Und was das Schreiben anbelangt stecke ich immer noch in meinem Sprach-Dilemma... Sprache ist Teil dieser relativen Welt... Sprache ist dualistisch, wie ein zweischneidiges Schwert. Alles was ich sage oder schreibe schliesst das nicht-gesagte und das nicht-geschriebene aus. Es teilt die eine Wirklichkeit in einen sichtbaren und einen unsichtbaren Teil. Es ist also immer nur eine Beschreibung und nicht die volle Wirklichkeit. Das ist einfach eine Realität und an sich kein Problem. Doch es verunsichert mich, weil ich oft denke: "ich könnte das genaue Gegenteil denken/schreiben und es wäre genau so wahr." Ich will mich dann nicht für eine Seite entscheiden... und bleibe still.

Absolut

Die letzten zwei Regentage gaben mir Zeit um wieder einmal tief nachzudenken...

Wenn alles relativ ist, braucht es irgend einen Bezug, wozu es relativ ist. Was ist dieser Bezug? Wir wissen es nicht, haben aber ein Wort dafür: Absolut. Was meinen wir denn mit diesem Wort?

Absolut meint etwas immer Gleichbleibendes. Es bezeichnet "alles in allem", grenzenlos (nicht-Raum), ewig (nicht-Zeit), alles durchdringend, überall, beinhaltet oder umschliesst alle Gegensätze wie leer-voll, schwarz-weiss, hell-dunkel, laut-still, etc., etc...

Dann heisst das auch: Alles Relative befindet sich im Absoluten. Nicht abgetrennt oder als Teil davon. Man könnte auch sagen, das Absolute zeigt sich im Relativen. Zuende gedacht ist alles Relative eine Erscheinungsform des Absoluten. Essentiell nicht davon unterschiedlich. Es erscheint nur so...

Unsere fünf Sinne, die Möglichkeiten unserer Wahrnehmung bewegen sich im relativen, veränderlichen Feld. Unsere Körper, unser Geist ist Teil der relativen, sich stets verändernden Welt. Selbst "die Welt" ist relativ... Es erscheint, als ob die relative Welt auf der absoluten Konstante schwimmt und Wellen wirft.

Mit Worten lässt sich "das Absolute" gar nicht beschreiben. Sprache ist auch nur ein Teil dieses Absoluten und wie sollte das Teil das Ganze beschreiben können? Jede Beschreibung ist ja auch eine Verneinung des Gegensatzes und das Absolute umfasst eben Beides.

Interessant daran finde ich heute, dass ich darüber nicht zum ersten Mal nachdenke und dass ich schon früher dachte, es verstanden zu haben. Aber dem ist nicht so. Oder es ist nur teilweise so. Oder ich habe es nur oberflächlich verstanden und nähere mich nun etwas an. Konsequent zu Ende gedacht bedeutet dies das Ende jedes Individuums. Es gibt keine eigene Persönlichkeit wie wir denken. Es denkt auch keine Welle im Ozean, sie sei eine eigene, individuelle Welle. Es gibt gar nichts Getrenntes. Jede Erfahrung von Getrenntsein ist eine Illusion. Es gibt nur das Absolute, welches sich unendlich manifestiert. Und nicht mal das stimmt... es erscheint in der relativen Welt nur so...

Das Beruhigende an diesen Überlegungen ist, dass ich eben nicht dieser einzelne, kleine, isoliert lebende Mensch bin, sondern: dass ich genauso zur Vollständigkeit im Meer des Absoluten gehöre, wie eine Welle des Ozeans zum ganzen Meer.

lernschwach

Der letzte Beitrag hat in mir nachgehallt. Es traf einen Punkt in meiner Persönlichkeitsstruktur, den ich zwar schon öfters mal bemerkte, über den ich aber nie wirklich nachgedacht habe. Ich bin nicht dumm, doch ich habe nie wirklich freiwillig und gerne etwas dazugelernt. Vielleicht dachte ich: "man kann etwas oder man kann es eben nicht." - "man hat Talent oder eben nicht." Dass in Wirklichkeit Grosses jedoch aus geschätzten 90% Lernen/Üben/Training und nur zu etwa 10% aus Talent erschaffen wird, habe ich erfolgreich ignoriert. Schon immer legte ich mehr Wert auf "sein" als auf "werden". Hmmm... heisst das aber nicht auch: Stillstand statt Fortschritt?

Boah! Irgendwie tragisch, wenn man erst mit über 50 solchen Gedanken nachgeht.

Inneres Feuer

Gestern Morgen starb der weltbekannte Physiker Stephen Hawking. Genau. Der körperlich schwer behinderte Mann im Rollstuhl, mit den Erkenntnissen über schwarze Löcher und die Entstehung des Universums. Spät nachts zeigte das Schweizer Fernsehen deshalb einen Spiel-/Dokumentarfilm über ihn, sein Leben und Schaffen. Es war schon sehr spät und deshalb habe ich den Film nur bis etwa in die Mitte verfolgt und ging danach zu Bett. Beeindruckt war ich dennoch…

«Positiv beeindruckt» ist man ja eigentlich immer, wenn man Gesehenes, Gehörtes, Gelesenes, Erlebtes in Bezug zu einem selbst setzt. Man erkennt an Anderen Fähigkeiten, die man selbst auch gerne hätte aber eben nicht hat.

Alle «grossen» Persönlichkeiten verfügen über ein inneres Feuer für irgendein bestimmtes Thema. Das treibt sie an um immer mehr dazuzulernen und sich weiterzuentwickeln. Bis sie an den Rand des bisher Bekannten vorstossen und dann dank ihres inneren Feuers auch darüber hinausgelangen. So entdecken oder schaffen Sie Neues. Faszinierend!

Tja… und dann sitze ich da vor dem Fernseher und stelle enttäuscht fest, dass dieses «innere Feuer» nie in mir gebrannt hat. Ich war nie wirklich neugierig und wollte nie irgendwo «der Beste» sein. Und nicht nur das. Schon als Kind misstraute ich Bildung. Ich hatte nie das Gefühl, dass mich Schulbildung weiterbringen würde und meinen Horizont erweitern kann. Viel eher dachte ich, dass mich Bildung gleichschalten, festlegen und einengen will um Dinge in einer ganz bestimmten Weise zu sehen. Ich war wohl auch deshalb immer ein schlechter Schüler. Nicht dumm, aber faul und an sehr wenig interessiert. Ich hatte nie ein konkretes Ziel welches ich erreichen wollte und dafür gewillt gewesen wäre, zu brennen. Eigentlich schade…

Man kann das nun noch etwas schönreden und sagen, dass man halt vielseitig und nicht einseitig interessiert war. Dass man viele Facetten des Lebens spannend fand und sich deshalb nicht festlegen wollte. Vielleicht. Vielleicht auch nicht. Richtig ist aber zweifellos, dass man nur dann in einem Fach wirklich Grossartiges erreichen kann, wenn man sich darauf konzentriert und nicht auf vielen verschiedenen Hochzeiten (mittelmässig) tanzt.

Frühlingsdepression

Es ist jedes Jahr das Gleiche! Über den Winter schliesse ich das alte Jahr ab und bereite mich auf die neue Rikscha-Saison vor. Anfang März starte ich dann ausgeruht und gut motiviert. Das Wetter ist durchzogen und kühl... und das Interesse an Rikschfahrten nahe Null. Gestern habe ich in fünf Stunden 30 Franken verdient... ich könnte kotzen!

Es ist ja nun mal nicht so, dass ich das nur aus reinem Spass an der Sache mache. Ich betrachte das als Arbeit, als Dienstleistung, die mindestens soviel Geld abwerfen sollte, damit ich davon meinen Lebensunterhalt bestreiten kann. Wenn Geld wirklich keine Rolle spielen würde, würde ich wohl weniger Zeit dafür aufbringen. Es zeigt sich aber immer wieder, dass sich mit einem mehr an investierter Zeit nicht automatisch ein mehr an Geld/Einkommen erzielen lässt.

Ich muss da nun mal selbstkritisch sein. Ich unternehme zu wenig um das Geschäft anzukurbeln. Ich verhalte mich zurückhaltend/distanziert und hoffe einfach darauf, dass es schon irgendwie klappen wird. Ich bin zu passiv, zu introvertiert. Ich erwarte, dass die Menschen von sich aus Rikscha fahren wollen, ohne dass ich sie dazu überreden muss. Doch mit dieser Einstellung lässt sich nichts erreichen. Es dümpelt einfach so vor sich hin...

Diese Erkenntnisse sind ja alle nicht neu. Ich erlebe nun meinen siebten Rikscha-Frühlung und die siebte Frühlingsdepression. Trotzdem habe ich in all den Jahren nichts an meiner Strategie geändert. Will ich nicht, kann ich nicht, oder woran liegt es? Es lassen sich natürlich externe Faktoren und Gründe finden. Die findet man immer. Aber das grundlegende Problem liegt wohl schon in meiner Persönlichkeitsstruktur und der scheinbaren Unfähigkeit um über meinen Schatten zu springen und mich zu ändern.

Das zeigt sich auch sehr deutlich, wenn ich in diesem Blog zurückblättere und stöbere. Da lese ich immer wieder von loslassen, von fliessen lassen und von der Akzeptanz dessen, was ist. Sehr wenig "ich will" oder "ich mache", geschweige denn von "Plänen" oder "Zielen"... als sei ich ein passiver Zuschauer und nicht ein aktiv Handelnder... tja, da kann einem schon eine Frühligsdepression überkommen...

Die Macht der Worte

Ich verlinke hier einen Beitrag, den ich vor ziemlich genau 12 Jahren geschrieben habe. Nicht, dass mir dies damals zum ersten Mal aufgefallen wäre, es ist einfach der erste diesbezügliche Beitrag in diesem Blog. Einen interessanten Artikel zu der Bedeutung von Worten, Metaphern und der Sprache an sich findet sich hier, bei ZEIT ONLINE. Ich finde das noch immer ein sehr spannendes Feld... auch die im Artikel erwähnte Verbindung zwischen Muttersprache und Weltsicht... wirklich lesenswert.

Seit dem verlinkten Blogeintrag und heute hat sich mein Verhältnis zu Wort und Sprache insofern verändert, dass ich den Worten (seien sie gesprochen oder geschrieben) nicht mehr so viel Bedeutung und Wert beimesse wie früher. Ich verstehe Worte viel mehr als Etiketten, als Um- oder Beschreibungen von Etwas. Der Absender/Sprecher/Schreiber steht eigentlich immer in einem anderen Kontext/Umfeld als der Empfänger/Hörer/Leser und deshalb ist es ja per se sehr unwahrscheinlich, dass genau das verstanden wird, was ausgedrückt werden will. Aber das nur am Rande.

Ich habe mir also über die Jahre angewöhnt, dass ich alles nur noch als Beschreibung wahrnehme. Eine Beschreibung von Wirklichkeit/Wahrheit, die als solches gar nicht beschrieben werden kann, weil es dafür gar keine Worte gibt. Natürlich gibt es treffendere/wahrere Beschreibungen und unzutreffendere "Fake-News" oder eben Lügen. Es ist schon gut, über ein gewisses Mass an Urteilsfähigkeit zu verfügen um relativ schnell die Spreu vom Weizen oder eben die Lüge von der Wahrheit zu unterscheiden. Nur muss man halt auch enerkennen, dass es in Worten keine absolute Wahrheit gibt (denn wie gesagt: Sprache ist im besten Fall die treffende Beschreibung von Wahrheit, nie jedoch die Wahrheit an sich).

Spannend finde ich, dass sich durch diese Erkenntnis über die Jahre eine gewisse geistige Entspannung eingestellt hat. Die ergab sich daraus, dass ich selber zu wählen begann, worauf ich meinen Fokus lenke und welche Etiketten ich den Ereignissen/Dingen/Geschehnissen anhefte. Hmmm, wie kann ich das am besten erklären? Schwierig...

Als erstes verzichtete ich auch negative Worte und Bewertungen. Ich sah ein, dass mir diese nichts bringen. Es zieht mich mental eher runter und einfach nur "recht haben" hat keinen Wert an sich. Als nächstes versuchte ich auf spontane negative Reaktionen positive Gegen-Gedanken zu entwickeln. Als Beispiel: Ein Glas fällt runter und zersplittert auf dem Küchenboden. Erste Reaktion: "So ein Mist!" Gegengedanke: "Zum Glück habe ich mich nicht geschnitten". Irgendwann kam mir das etwas gekünstelt vor und ich merkte, dass überhaupt keine gedankliche Reaktion nötig war. Dinge geschehen einfach, egal was ich darüber denke. Auch negative Gedanken sind nur Gedanken. Erst meine Beurteilung macht sie negativ oder positiv. Heute akzeptiere ich diese Gedanken weil ich weiss, dass sie wieder verschwinden. Ich brauche sie nicht mit positiven Gedanken zu verdrängen. Sie verschwinden von selbst. Diese Erkenntnis ist entspannend...

Noch besser fand ich, als ich irgendwann realisierte, dass alle Bewertungen sich mit der Vergangenheit beschäftigen, die ich (egal was ich darüber denke) nicht mehr ändern kann. Es lohnt sich also überhaupt nicht, negativ über Vergangenes nachzudenken. Es beeinflusst höchstens noch die Zukunft in negativer Weise. Und als Nächstes: Zukunftspläne machen nur auf praktischer Ebene Sinn. Man kann nicht planen, wie man sich fühlen wird. Auch wenn man sich einen angestrebten Erfolg noch so rosig ausmalt, man weiss nicht, wie man sich dann wirklich fühlt. Und eine irgendwie gelagerte Erwartungshaltung bietet nur Möglichkeiten der Enttäuschung -> das habe ich mir aber anders vorgestellt! Kurz zusammengefasst: Nicht über Vergangenes nachgrübeln, situativ beurteilen und entscheiden und "nach bestem Wissen und Gewissen" planen und handeln. Und die Krönung: Trotz Planung und Berechnung ergebnisoffen bleiben und zumindest versuchen, keine Erwartungshaltung zu entwickeln.

Das alles trug zu meiner inneren Beruhigung bei. Und: Es lernte mich zu Vertrauen. Es geht nicht ohne ein Grundvertrauen in das Leben an sich. Vielleicht klingt das naiv doch ich gehe nicht davon aus, dass mich alle nur zu ihrem eigenen Vorteil bescheissen wollen. Genausowenig denke ich, dass die Natur oder die Umwelt uns feindlich gesinnt ist. Natürlich gibt es Umweltkatastrophen die einem treffen können und Menschen die einem schaden wollen aber vom Ansatz her ist einfach alles Potenzialität/Möglichkeit. Wertneutral. Weder gut noch schlecht. Ängstlichkeit und Übervorsichtigkeit sind schlechte Berater weil man dann immer auf der Hut (im Abwehrmodus) sein muss. Mit Grundvertrauen lässt sich alles entspannter angehen.

Jetzt bin ich aber ziemlich abgeschweift...

Also: Gedanken sind Worte. Diese Worte gewinnen mit gemachten Erfahrungen an Bedeutung und lösen in uns entsprechende Assoziationen und Bilder aus. Deshalb sind Worte auch mächtige Instrumente, mit denen wir beeinflusst werden. So lösen Worte wie z.B. "Personenfreizügigkeit" und "Überfremdung" ganz unterschiedliche Bilder in uns aus, auch wenn damit unter Umständen das Gleiche gemeint ist. Mächtige Menschen, Anführer und Politiker wissen das ganz genau und beeinflussen uns deshalb mit gezielt eingesetzten Worten um bei uns die gewünschte Reaktion auszulösen.

Es kann also nur helfen, wenn wir den Worten an sich nicht zu viel Glauben schenken und sie etwas aus Distanz (als Etiketten) betrachten. Es sind nur Worte. Beschreibungen einer Realität aber nicht Realität an sich.