Ich bin immer zu spät...

Der Titel ist nicht im allgemeinen Sinn zu verstehen. Bei Verabredungen im realen Leben bin ich eigentlich immer zu früh und nur ganz selten zu spät (bezogen auf Uhrzeit). Der Satz bezieht sich auf die letzten zwei Beiträge, auf Gedanken und Worte.

Irgendwo habe ich von einem Experiment gelesen, das geht in etwa so: Suchen Sie sich eine Zahl zwischen 1 und 10 aus und beobachten Sie, was passiert. Das Ergebnis: Irgendwoher kam die Entscheidung z.B. 4 und darauf folgt der Gedanke "Vier". Das heisst, niemand dachte sich bewusst eine Zahl aus, sondern der Gedanke beschreibt die Entscheidung, kommt also nachher. Mit irgendwelchen Sensoren liess sich sogar bestimmen, wie viele Hunderstel- oder Zentelsekunden nach der Entscheidung der Gedanke folgte. Interessant...

Sprechen oder schreiben hat dann immer noch grössere Verzögerungen, weil es nachgelagert ist. Zuerst denke ich was ich sagen oder schreiben will und dann setze ich die entsprechenden Muskeln in Bewegung. Doch auch diese Handlungen geschehen vorwiegend unbewusst. Zu Glück. Es wäre viel zu kompliziert, wenn ich mir immer überlegen müsste, wie ich die Atmung, die Zunge und Lippen steuern muss, damit meine Stimmbänder die entsprechende Schwingung von sich geben, damit die entsprechenden Worte zu hören sind.

Worauf ich hinaus will: Gedanken und Worte hinken dem Leben immer hinterher. Sie vereinfachen und beschreiben immer etwas, was schon vorbei ist und was in Tat und Wahrheit gar nicht beschrieben werden kann. Das Leben ist viel zu kompliziert, chaotisch, nicht linear und unvorhersehbar. "Es" geschieht einfach... Gegenwart ist so gesehen undefinierbar, unbeschreiblich und gedanklich nicht erfassbar. Was Gedanken beschreiben ist bereits Vergangenheit und erst noch eine stark vereinfachte Vergangenheit. Und wenn wir über Zukünftiges nachdenken, so greifen wir auf diese Vergangenheit zurück, wenden das Konzept von Ursache und Wirkung an und konstruieren uns daraus ein zukünftiges Ergebnis (oder eine neue Version der Vergangenheit). Witzigerweise nehmen wir das alles sehr ernst und sind tief überzeugt davon, dass dem auch so sei.

Das alles klappt nur dank unserer Konditionierung. Wir glauben an "fundierte Entscheidungen" und daran, dass man nur genügend zu wissen brauche um die "richtigen" Entscheidungen zu treffen. Wir extrapolieren immer die Vergangenheit (oder das was wir wissen/kennen) und schliessen daraus auf die Zukunft... und verlieren dadurch die Gegenwart... (und wundern uns dann auch noch, dass sich so vieles in unserem Leben scheinbar wiederholt)...

Ein schönes Beispiel dazu aus der gegenwärtigen Internetwelt: Während meiner Winterradreise durch Deutschland buchte ich meine Hotels jeweils über booking.com. Nach etwa zwei Wochen hat der eingesetzte Algorithmus so viele Daten gesammelt, dass ich jeweils automatisch Vorschläge über nächstmögliche Hotels erhielt, die etwa im gleichen Abstand zum letzten Hotel lagen. Zusätzlich wurden mir auf anderen Seiten (Spiegel, Tagesanzeiger, Facebook, etc.) entsprechende Werbeanzeigen eingeblendet. Der Computer wusste also, dass ich etwa 80 Kilometer pro Tag reise, dass ich jeweils ein Einzelzimmer buche und dass ich dabei zwischen X und Y Euro ausgebe. Davon ausgehend errechnete er meine Zukunft und machte mir entsprechende Vorschläge. Selbst heute, fast drei Wochen nach meiner letzten Buchung, erhalte ich E-Mails mit "ihr nächstes Reiseziel". Doch die sind ja nicht doof. Sie erkennen, dass mein Internetzugang nun an meinem Heimatort erfolgt und machen mir deshalb Vorschläge für eine nächste, mögliche Reise nach dem Motto: "Menschen die ein ähnliches Verhalten wie Sie an den Tag gelegt haben, mögen auch noch diese Ziele, diese Produkte, etc."

Aber hey! So funktioniert das Leben nicht! So funktionieren Maschinen.

Das bringt uns auf die Idee oder das Konzept der Blase. Wir vermuten, dass wir abgetrennte Wesen mit einer eigenen Identität sind. Wir sind zwar ziemlich ähnlich wie die anderen acht Milliarden Menschen auf diesem Planeten, doch wir sind nicht gleich und schon gar nicht EINS. Denn ich sehe nur was ich sehe, erkenne nur was ich erkenne, fühle nur meinen Schmerz, weiss nur was ich weiss, etc. usw. Irgendwo im meinem Körper -vermutlich im Herzen (bei Idealisten) oder zwischen den Ohren (bei Materialisten)- befindet sich das Zentrum meines Universums und darum herum entwickelt sich meine Blase des Lebens.

In diese Blase ziehe ich alles, was ich erfahren, erleben und wissen kann. Ich versuche damit meine Datenbasis und mein Bewusstsein zu erweitern um zu immer besseren Entscheidungen und Ergebnissen zu kommen. Wir denken: "Je mehr, desto besser!" Es entwickelt sich daraus ein stetiges "mehr". Mehr Gesundheit, mehr Freunde, mehr Geld, mehr PS, mehr m2, mehr Ferien, mehr Gelassenheit, mehr im Moment leben, mehr Mitgefühl, mehr Achtsamkeit, mehr Göttlichkeit, mehr... was auch immer! Wo auch immer wir gerade stehen im Leben, es reicht nicht! Wir wollen mehr oder etwas anderes. Wir sind auch super gut im Vergleichen und Bewerten. Wir finden immer jemanden, der Besser oder Schlechter ist, wir finden immer einen Punkt in unserem Leben, den wir noch optimieren können. Wir haben nie genügend Daten...

Diese Muster erkennen wir Alle. Ganz egal ob Mann oder Frau, jung oder alt, welcher Herkunft oder Prägung. Wir sind so konditioniert (was nur eine Feststellung und keine Wertung sein soll). So wird es uns von klein auf beigebracht.

Und genauso wie booking.com davon ausgeht, dass ich immer weiterreisen werde, gehen wir davon aus, dass wir immer weiterleben werden. Wir wissen, dass wir eines Tages sterben werden, doch wir verleugnen und ignorieren es. Es ist paradox. Ich glaube, eine Midlifecrysis ist der Moment im Leben an dem man sich eingesteht, dass es eben nicht immer aufwärts und vorwärts geht, dass das Leben keine Linearität besitzt, sondern eine Kurve beschreibt, die nach dem Höhepunkt dem Nullpunkt entgegenschwingt. Meist verschieben sich dann ein paar Wertvorstellungen, was aber nichts anderes heisst, als dass wir unsere Blase in anderen Bereichen zu vergrössern versuchen.

Weil die ganze Welt um uns herum genau gleich tickt, kommen wir nicht auf die Idee, dass an diesem Lebenskonstrukt, an dieser Haltung und Vorgehensweise ganz fundamental etwas falsch sein könnte. Wer den Kopf nicht in den Sand steckt kommt irgendwann auf die ganz prinzipiellen Fragen wie: Was ist Materie? Was ist Raum? Was ist Zeit? Wer oder was bin ich wirklich?

Und was ist das Interessante an diesen Fragen? -> es gibt keine schlüssigen, wissenschaftlich bewiesenen Antworten. Materie besteht zu 99,x% aus Nichts. Raum ist grenzenlos und undefinierbar. Zeit existiert nur als gedankliches Konstrukt. Und zu guter Letzt: Ein ICH gibt es nicht. Unauffindbar!

Ist das nicht unglaublich? Alles was wir glaubten erweist sich als unhaltbar! Fake-News! Gedanken und Worte beschreiben immer nur das, was NICHT ist, denn das was IST, lässt sich nicht beschreiben. Es ist uns immer einen Schritt voraus. Jeder Gedanke darüber kommt zu spät und hat deshalb den Kern verpasst.

Um auf das Blasen-Modell zurückzukommen. Solange wir uns als Individuum verstehen, als getrenntes, eigenes Wesen, mit eigenem Zentrum, mit der Idee von "ICH - und alles Andere", so lange fühlen wir uns unvollständig und sind auf der Suche nach Vervollkommenheit.

Gibt es denn dazu eine Alternative? Ein Gegenkonzept? -> Nein. Es ist hoffnungslos.

Wenn das "ICH" wegfällt, bleibt nur noch Leben, SEIN.

Es ist völlig hoffnungslos, denn Vollkommenheit, Einheit braucht keine Hoffung. Es gibt keine Alternative dazu. Es ist voll/leer, gut/schlecht, real/unreal, weiss/schwarz, hell/dunkel, positiv/negativ, lebendig/tot -> es ist eben nur EINS, ohne ein Zweites. Es ist sowohl als auch. Das Zentrum von Gegensätzen. Undenkbar, unbeschreiblich.

Die Blase ist Teil dieses EINEN. Wieviel auch in diese Blase gezogen wird, wie gross sie auch immer werden mag, sie ist immer nur Teil des Ganzen, denn das Ganze ist unendlich, ist alles in Allem. Die Blase, das Zentrum der Blase, eine Persönlichkeit/Identität wird also immer unvollständig bleiben weil es sich (scheinbar) abgrenzt. Es bedeutet aber auch: Jeder Mensch, jedes Individuum ist Teil des Ganzen. Ob er/sie es nun erkennt oder nicht ist dabei völlig egal. Ob man nun an seiner Ich-heit festhält oder nicht ist auch völlig egal. Das Leben ist alles was IST. Immer, an jedem Ort und zu jeder Zeit, vollständig. Schwingende Energie...

Will man aber Vollkommenheit erreichen, muss ICH sterben. Die Identifikation mit einem ICH muss wegfallen. Es gibt kein ICH, das denkt und fühlt und bewertet und wünscht und hofft. Nichts persönliches. Kein ICH, kein DU - niemand. Keine Materie, kein Raum, keine Zeit, keine Ursache, keine Wirkung - nur Lebendigkeit. Nur spielende, lebendige Energie, immer jetzt, nie gleich.

Das klingt jetzt alles ziemlich abgedreht, weil eben Worte nicht in der Lage sind Unbeschreibbares zu beschreiben. Das alles hat nichts mit Selbstmord, Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit im allgemeinen Verständnis zu tun. Ich werde mich nicht umbringen ;-) Das Leben geht ja weiter, ich werde auch weiterhin jeden Morgen aufstehen, mich waschen, essen und arbeiten. Daran ändert sich -soweit man das abschätzen kann- gar nichts. Ich werde auch weiterhin nachdenken, abwägen und Verstandesentscheidungen treffen, denn das ist Teil dieses Erdenlebens, dieser Geschichte. Man muss nicht vorsätzlich Dummheiten begehen. :-)

Es fühlt sich also ziemlich undramatisch an, wie das Ausziehen eines alten Mantels, der einem nicht mehr passt.

Hamsterrad - Ich bin

Ich denke von mir irgendwie, dass ich sein Suchender bin, der nach Erfüllung, Erleuchtung, Verschmelzung, Vereinigung sucht. Bei genauerem Betrachten sieht es auch wie ein dauerndes Vergessen-wollen seiner Selbst aus, einer Auflösung des "Ich"-Konzepts. Dies vor allem deshalb, weil man sich Selbst immer als getrennt von anderem und von anderen erfährt. Als Grundproblem erkenne ich, dass sobald ich "Ich" denke/sage, trenne ich mich ab von allem anderen. Ich und alles Andere.

Über die Jahre verflüchtigten sich zunehmend die Gedanken der Ich-Identifikation mit meinem Körper, meinem Geist, meine Emotionen, Gedanken, Empfindungen und Erfahrungen. Zeitweise. Wenn ich im vorletzten Beitrag vom dauernden Versuch mit "dem Flow" zu gehen spreche, dann ist auch dies ein Ausdruck für das Vergessen meiner selbst, für den Versuch der totalen Akzeptanz dessen, was ist, ohne den Versuch etwas ändern zu wollen. Aber dennoch erlebe ich mich höchstens als Teil von Etwas, also immer noch getrennt.

Das alles ist ein geistiges Hamsterrad... und die Achse dieses Rads heisst "Ich". Darum dreht sich alles...

Das verrückte an der Sache ist, dass es bei genauem Betrachten und bei vertiefter Selbsterkenntnis dieses "Ich" gar nicht gibt. Es hat keine echte Realität sondern schafft sich seine eigene Traumwelt, die immer irgendwie anders sein sollte als das, was wirklich ist. Und das treibt mich dann vorwärts und hält meine Suche in Gang. Damit meine ich Ideen wie: "das müsste etwas anders sein", "das gibt es noch zu erreichen", "das muss ich noch loslassen", "diesbezüglich muss ich mich noch verbessern", "das muss ich noch tun oder nicht tun", "da kommt noch was".

Man kann auch sagen, das "Ich" ist relativ. Bezogen auf diesen Körper, auf dieses Leben in Dualität, in einer sich in dauernder Veränderung befindlichen Welt. Genau deshalb sucht es einen Fixpunkt der Ruhe verspricht. Relativität braucht einen Fixpunkt zu dem es halt eben relativ ist. Es wird diesen aber nie finden. Wo es auch hinschaut, wo es auch sucht, es wird diesen Fixpunkt nicht finden, da der Fixpunkt nicht Teil dieser "Ich-bin"-Welt ist. Es scheint eher umgekehrt zu sein. Erst ein "Ich-bin" kreiert diese, sich dauernd verändernde Welt. Erst das "Ich" kreiert Zeit und Raum. Erst dieses "Ich" kreiert diese Trennung zwischen "Ich und Nicht-Ich". Erst das "Ich" kreiert diesen Traum des "eigenen", abgetrennten Lebens.

So gesehen ist es also hoffnungslos. "Ich" komme nie aus diesem Hamsterrad heraus. Solange ich mich mit dieser Welt, diesem Leben, diesem Körper, diesen Gedanken und eben dieser "Ich-Geschichte" identifiziere, solange geht die Suche weiter. Nichts was ich finden werde wird mich je befriedigen, weil es in diesem Ich-Lebenstraum keinen Fixpunkt gibt.

Das ist alles Illusion, Lebenstraum...

Die Realität IST ganz einfach so wie sie ist. Sie ist vollkommen, ungetrennt, es gibt kein Bewusstsein hierzu, es ist niemand da, es gibt kein gut und schlecht, es macht keinen Sinn, es ist für niemand, es ist frei und es ist satt und wild... es IST einfach so... -> für ein "Ich" unbegreiflich, unverständlich und unerreichbar...

wieder Sonntag

Wieder ist eine Woche um, der Juli 2015 ist nun Geschichte und der August beginnt sich abzurollen. Das liest sich komisch und es fühlt sich auch komisch an. Rollt, oder wickelt, sich Zeit ab? Ist Zeit wirklich oder ist es nichts als ein geistiges Konstrukt? Irgendwo las ich: Das Produkt unserer Gedanken ist Zeit und das Produkt unserer Empfindungen und sinnlichen Erfahrungen ist Raum. Raum und Zeit gibt es als Solches gar nicht. Es sind gedankliche Konstruktionen die man nur benötigt, solange man sich als getrenntes Wesen wahrnimmt. Dann gibt es ein ich und ein Du, zwei getrennte Objekte. Dann gibt es ein gestern und ein morgen, ein zeitlicher Ablauf.

Ist das nun "die Realität" oder nur ein geistiges Konzept? Durch Umwelt und Erziehung werden wir dahingehend geprägt, dass wir uns als getrennte Wesen, als Individuen begreifen. Du und ich sind verschieden, wir sind getrennte Wesen, mit ganz eigenen Fähigkeiten und eigenständigen Erfahrungen. Mit den meisten anderen Individuen stehen wir in Konkurrenz, mit Wenigen (Freunden) schliessen wir Frieden. Doch stimmt das wirklich? Was ist das, was in mir "Ich" sagt? Und ist dieses "Ich" etwas anderes als das "Ich" meiner Freunde oder meiner Feinde? Wer bin "Ich"? -> Die Frage aller Fragen...

Die naheliegendste Antwort auf diese Frage ist: "Ich" bin die Summe meiner körperlichen Wahrnehmung, meiner Sinnesempfindungen und meines Geistes (Gedanken und Gefühle). Wenn man dann aber versucht die einzelnen Teilaspekte zu hinterfagen, so wird die Sache immer nebulöser und unerklärbar. Das liegt vor allem daran, dass einem das "Ich" als kontinuierliche, gleichbleibende Grösse erscheint, während Sinneserfahrungen, Gefühle und Gedanken sehr flüchtig sind, stets kommen und gehen, meist ohne dass wir das bewusst steuern können. Doch "Ich" dachten wir schon als kleines Kind und "Ich" erlebte die erste grosse Liebe und deren Verschmelzen mit einen anderen "Ich". "Ich" schreibe heute diese Zeilen und "Ich" werde alt, schrumplig und eines Tages sterben... Wobei halt, das kann ich so nicht mit Sicherheit sagen. Dies würde bedeuten, dass "Ich" mein Körper bin... ist dem wirklich so?

Dem widerspricht, dass ich im Traum durchaus körperliche Empfindungen wahrnehme, obwohl mein Körper unbeteiligt im Bett liegt. Oder auch, dass sich mein "Ich" heute nicht wirklich älter anfühlt als mit 10, 20, 30 oder 40 Jahren. "Ich" bleibt gleich. Nicht der Zeit unterworfen, weder jung noch alt. Vielleicht ist die Aussage "Ein Mensch wird geboren, wächst auf, wird alt und stirbt" gar nicht wahr, sondern ein Glaube, wie früher die Menschen glaubten, dass die Erde eine Scheibe ist.

Auf meiner Suche bin ich immer wieder abgeprallt. Ich kam zu der Einsicht, dass ich nicht meine Gadanken bin, denn die kommen und gehen, ohne dass ich das allzu sehr beeinflussen kann. Genau gleich verhält es sich mit meinen Gefühlen. Gefühle der Trauer, Freude, Enttäuschung, Liebe, Hoffnung, etc. werden sehr oft durch äussere Umstände ausgelöst. Ich erfahre Gefühle, doch ich bin sie nicht. Und nun noch die Körpergeschichte. Natürlich spüre ich meinen Körper, nehme Schmerz wahr und merke wie der Körper altert, doch bin "ich" deshalb mein Körper? Eher nein... Was oder wer bin "Ich" also?

Ich weiss es nicht.

Von der anfänglichen Identifikation mit Körper, Seele und Geist ist nichts mehr übrig geblieben. Ich erkenne, dass ich in der Welt als Individuum wahrgenommen werde, dass ich mich sehr häufig auch mit dieser Individualität identifiziere, doch die Zweifel, dass "Ich" das wirklich bin werden grösser und grösser. Das erinnert mich an einen Spruch, den ich irgendwo gelesen habe: "Zuerst war ich jemand, dann war ich niemand und dann war ich alles in allem." Ich bin beim "niemand" angelangt. Weder dieses, noch jenes...

An dieser Stelle will ich klarstellen, dass dies kein negativer Zustand ist. Sich mit "nichts" zu identifizieren ist eher neutral als negativ. Es erzeugt eine gewisse Distanz, aus der man das eigene Leben, das eigene Denken und Handeln betrachtet und hinterfragt. Man fühlt sich dabei etwas weniger stark involviert und kriegt Zeit um die Reaktion auf aktuelle Ereignisse zu überprüfen. Dadurch fällt einem auf, dass man bis anhin meist mechanisch reagierte, nach altbekannten Mustern funktionierte und dass man sich dadurch bessere Resultate verbaut. Wer auf ein gleiches Ereignis gleich reagiert, wird auch das gleiche Resultat erhalten. Lernfähig ist anders...

Schwierig an der "Nicht-Identifikation" ist, dass viel innere Sicherheit wegfällt. Das Bild, welches ich von mir hatte ist dahin. Ich weiss nicht mehr genau was ich bin oder was ich will. Es braucht sehr viel Vertrauen. Vertrauen worauf oder worin? Ich weiss es nicht. Auf "das Leben" auf "Gott" auf "unendliche Bewusstsein" auf "das Gute". Das ist schwierig zu sagen. Meine bisherigen Erfahrungen zeigen mir jedoch, dass dieser Weg nicht gefährlich ist, dass ich keine Angst haben muss, eines Tages in der Irrenanstalt zu landen. Ich werde weder schizophren noch drifte ich sonstwie entscheidend ab. Ich will das Leben, mein Leben, verstehen lernen. Das ist alles. Ich funktioniere jedoch nach wie vor als Mitglied dieser Gesellschaft. Ich verdiene mein eigenes Geld und falle auch sonst niemandem zur Last. Vieles hat sich in der Vergangenheit sogar zum Positiven entwickelt. Dass ich nun seit 4 Monaten nicht mehr rauche ist nur ein kleines, letztes Beispiel dafür. Ja, es kommt schon gut.

Ich sehe der Zukunft auch durchaus positiv entgegen. So wie aus "jemand" nun "niemand" wurde, so wird daraus wohl irgendwann "alles in allem". Das wäre dann die wohl endgültige Antwort auf die Frage "Wer bin ich?"

loslassen

Seit ich im Frühling 2011 die konventionelle Arbeitswelt verlassen habe, hat mein Leben deutlich an Intensität gewonnen. Dies hat einerseits einen zeitlichen Grund -> ich habe heute mehr freie Zeit als früher und andererseits auch einen finanziellen Grund -> ich habe heute weniger Geld als früher. Diese zwei Hauptpunkte ergänzen sich (für mich) sehr gut. So kann ich besser über mein Leben nachdenken und die knappen Finanzen zwingen mich auch genauer zu überlegen, was ich an Materie wirklich brauche und wofür ich mein Geld ausgebe.

Rückblickend würde ich sagen, dass ich fast ein Jahr brauchte um geistig aus diesem Hamsterrad der Leistungsgesellschaft heraus zu finden. Ich brauchte wirklich lange um zu merken, dass gesellschaftliche Ansichten und Gepflogenheiten sehr wenig mit mir selbst zu tun haben und dass so abstrakte Begriffe wie Erfolg, Sicherheit oder Status nur dazu da sind um uns zu konditionieren, um uns zu perfekt funktionierenden Konsum-Robotern zu machen. Mit einem selbst, mit dem ganz persönlichen Empfinden von Zufriedenheit und Glück hat das alles rein gar nichts zu tun.

Die Entscheidung zukünftig meinen Lebensunterhalt als Rikschafahrer zu verdienen fiel eher blauäugig und leichtfertig. Mir war damals nicht bewusst, dass ich mich mit so einer Entscheidung wirklich vom gesellschaftsfähigen Geschäftsleben verabschiede. Heute weiss ich, dass ich mit über 50 Jahren und mit meinen letzten 4 Jahren wohl nie mehr einen "normalen" Job als Angestellter finden werde. Da bin ich draussen. Erledigt. Das soll jetzt als eine wertfreie Beobachtung verstanden werden. Wie auch immer, dieser Entscheid hat mir viele neue Erfahrungsfelder eröffnet und ist bestimmt ein Hauptgrund dafür dass ich heute sage: Mein Leben hat an Intensität gewonnen.

Wichtig war auch die Erkenntnis, dass das Geld nun hart verdient werden muss und dass am Monatsende rein gar nichts auf dem Bankkonto passiert. Arbeit gegen Geld erlebe ich jetzt wirklich ganz direkt. Keine Arbeit, kein Geld. Und da Rikschafahren naturgemäss eine Schönwetterangelegenheit ist heisst das auch, dass in den Sommermonaten Geld zur Seite gelegt werden muss, damit man die Wintermonate übersteht. Manchmal komme ich mir vor wie ein Eichhörnchen. Ich sammle im Sommer Nüsse, damit ich im Winter etwas zu futtern habe.

Eine Begleiterscheinung von diesem neuen Umgang mit Geld ist die Erkenntnis: Je weniger Geld ich ausgebe, desto weniger muss ich verdienen. Diese Überlegung passt sehr gut zu der Konsumunlust, die ich in den letzten Jahren zunehmend verspührte. Dies kam vor allem daher weil ich merkte, dass ich Dinge zur Kompensation kaufte (neue Mountainbikes um vom Arbeitsfrust abzulenken), oder aus Status-Überlegungen (die "richtigen" Kleider, etc.) oder aus Langeweile, weil das Leben so gleichmässig an einem vorüber zieht. Davon bin ich echt geheilt. Ich definiere mich nicht mehr über Dinge die ich besitze. Davon habe ich echt losgelassen.

Machmal verkehrt sich das Ganze schon fast ins Gegenteil, in Konsumverweigerung. Mich kotzen diese globalisierten Billigangebote derart an, dass ich mich immer mehr davon enthalten will. Das ist meine einzige Macht als Konsument. Ich kaufe nicht oder eben nur sehr gezielt.

Der Umgang mit Zeit und der Umgang mit Geld sind eindeutig die zwei Bereiche, in denen sich bei mir in den letzten Jahren am meisten geändert hat. Zumindest äusserlich. Als Mensch an sich lernte ich in diesen Jahren verstärkt, Unwesentliches von Wesentlichem zu trennen und davon loszulassen. Fragen wie "was brauche ich wirklich?", "bringt mich das weiter?", "entspricht mir das?", "macht mich das glücklich?" stehen zunehmend im Vordergrund. Den Wunsch, mein Leben zu vereinfachen, den habe ich ja schon lange und schon öfters auch in diesem Blog erwähnt. Seit 2011 versuche ich das nun zunehmend konsequenter umzusetzen. Niemand anders kann das für mich tun und "die Gesellschaft" will das schon gar nicht unterstützen oder honorieren, denn es widerspricht dem gängigen Konzept.

So ist es nur logisch, dass ich irgendwann auf die offene Wunde "rauchen" blicken musste. Wer in seinem Leben immer mehr Eigenverantwortung übernehmen will, der widerspricht sich, wenn er seiner Gesundheit so offensichtlich wie durch Rauchen schadet. Ich trage ja auch Verantwortung meinem Körper gegenüber. Das ist mein Raumschiff durch die Zeit und diese dreidimensionale Welt. Das sollte ich nicht leichtfertig zerstören.

So habe ich in den letzten Jahren also von vielen Sachen losgelassen. Dadurch spüre ich mich selbst besser und klarer. Das ist ein wichtiger Punkt auf dem Weg der Selbsterkenntnis. Man muss möglichst alle Hindernisse aus dem Weg räumen, man muss loslassen und verabschieden, alles was nicht mit dem eigenen Selbst zu tun hat oder ihm gar zuwider läuft. Loslassen ist eine grosse Aufgabe und man würde zu Beginn gar nie vermuten, von was man alles loslassen kann. Materielle Dinge oder schlechte Angewohnheiten sind dabei vermutlich die einfacheren Dinge um loszulassen. Zweifel oder falsche Glaubenssätze sind schwieriger.

Wie bei allem im Leben stärkt Übung die Fähigkeit. Beim ersten Loslassen ist man voller Angst und Zweifel. Bein nächsten Loslassen ist es etwas einfacher und man beginnt etwas Vertrauen zu spüren und mit jedem weiteren Loslassen wächst das Vertrauen. Man spürt instinktiv, dass es "richtig" ist. Ich habe in den letzten vier Jahren etliche Male losgelassen und so ist das Vertrauen gewachsen, dass ich auch von den Zigaretten loslassen kann. Ich bin auf gutem Weg...

“Wenn du etwas loslässt, bist du etwas glücklicher. Wenn du viel loslässt, bist du viel glücklicher. Wenn du ganz loslässt, bist du frei.”, sagte der theravada-buddhistische Mönch Ajahn Chah.

Einfach sein

Vieles in meinem Leben entwickelt sich einfach. Ohne dass ich allzuviel dafür täte oder dass ich mir dessen jeweils bewusst wäre. Oft verstehe ich Entwicklungen erst im Nachhinein und auch das ist eher ein Deuten als ein Verstehen. So geht es mir auch jetzt und deshalb will ich mich nun nicht mit neuen Erkenntnissen brüsten, noch will ich es bewerten oder als Erfolg darstellen. Es sind ein nur paar Körner, die ich auch meiner steten Suche nach Lebenssinn und -verständnis aufpicken konnte.

Auf meinen Rikschatouren komme ich jeweils am Haus vorbei, in dem im 19. Jahrhundert der Zürcher Schriftsteller und Dichter Gottfried Keller lebte. Um meinen Gästen etwas erzählen zu können überflog ich zumindest ein paar seiner Schriften und dabei ist mir ein Satz im Hirn haften geblieben: "Alles Grosse und Edle ist einfacher Art". Diesen Satz darf man ruhig zweimal lesen und sich so quasi auf der Zunge zergehen lassen. Es sind nicht die komplizierten und hochtechnischen Dinge, die "Gross" und "Edel" sind, sondern es sind die "von einfacher Art".

Hier nun ein paar Zitate, die in die selbe Richtung zielen:

  • Einfachheit ist das Resultat der Reife (Friedrich Schiller)
  • Das Leben ist einfach, doch wir bestehen darauf, es kompliziert zu machen. (Konfuzius)
  • Das Vergleichen ist das Ende des Glücks und der Anfang der Unzufriedenheit (Sören Kierkegaard)
  • Wer weniger besitzt wird umso weniger besessen (Friedrich Nietzsche)
  • Der einfachste Weg Einfachheit zu erreichen führt über gut durchdachtes Weglassen. (John Maeda)

Als ich 2011 die normale Angestellten-Welt verliess und mich auf den Weg in die Selbständigkeit machte war mir bewusst, dass ich materiell bescheidener leben musste. Dies fiel mir auch nicht sonderlich schwer weil ich zuvor ja jahrelang selbst erfahren habe, dass mir ein mehr an Materie kein mehr an Zufriedenheit beschert. Zudem war ich in der komfortablen Lage, dass mich so viel angehäufte Materie umgab, dass ich problemlos ein paar Jahre ohne grosse Anschaffungen auskommen kann. Ich brauchte einfach mal die Dinge zu benutzen, die mich bereits umgaben.

2012 verspührte ich manchmal noch einen Stachel des Verzichts. Die Verlockungen der Konsumwelt wurden ja nicht kleiner, doch meine Mittel liessen es nicht mehr zu, diesen Verlockungen nachzugeben. Das führte zu jeweils kurzzeitigem Schmerz. Ich lernte jedoch, dass dies vorwiegend Phantomschmerzen sind. Eingebildet und wenig real. Ich lernte auch, vermehrt nach dem "wahren Nutzen" einer Sache zu fragen und was mir keinen einleuchtenden Nutzen versprach, war schnell ausgeschieden.

2013 war der Verzichtsschmerz weitgehend weg und das Pendel schlug in die andere Richtung, in die des Ekels und der Verachtung. Ich konnte kaum mehr grosse Einkaufshäuser betreten ohne mich vor dem Überfluss zu ekeln. Dadurch entstand eine Art Konsumverweigerung aus Protest. Meine Einkünfte aus der Selbständigkeit verbesserten sich und es wäre schon möglich gewesen, sich mal wieder etwas zu leisten, doch ich wollte einfach nicht mehr. Das Verlangen nach neuer Materie verschwand ganz einfach. Die Frage nach dem Nutzen wurde immer wichtiger.

In diesem Jahr, 2014, stelle ich nun fest, dass ich ausgeglichener und gelassener auf unsere Konsumwelt reagiere. Es ist einfach nicht mehr meins und ich muss mir diesbezüglich einfach keine Gedanken mehr machen. Das ist ein schöner Punkt. Das Wünschen, Verlangen oder Begehren nach materiellen Gütern ist einfach weg.

In diesen drei Jahren lernte ich auch in anderen Bereichen mein Leben zu vereinfachen und "Simlify your life" ist mittlerweile zu einer Überzeugung geworden. Man erhält durch Vereinfachung und Weglassen sehr viel Lebenszeit geschenkt. Wenn man weniger hat, muss man sich auch um weniger Dinge kümmern. 

Alles ist im Fluss und eine Entwicklung. Momentan denke ich sogar, dass ich mich zukünftig noch von ein paar Dingen befreien werde, weil ich diese schlicht nicht (mehr) gebrauche. Und warum soll ich diese behalten, wenn sie nicht nutze? Reduktion auf das Wesentliche finde ich eine gute Idee. Oder eben: bisher machte ich damit gute Erfahrungen. Man darf gespannt sein, wie ich mich diesbezüglich weiter entwickle.

PS: Zum Schluss will ich diese Entwicklung aber doch noch etwas bewerten und loben: Freiwilliger Verzicht führt zu weniger Ressourcenverbrauch, ist deshalb nachhaltig, umweltschonend und sinnvoll. Man reduziert dadurch den eigenen ökologischen Fussabdruck und wer weiss, vielleicht verbraucht mein Lebensstil nun nur noch 2, statt der üblichen 3 Erden (zum Hintergrund: Wissenschaftler haben errechnet, wenn alle Menschen so viele Ressourcen verbrauchen wie wir Schweizer es tun, müsste die Erde 3 mal grösser sein als sie ist. Ich vermute also, dass ich immer noch auf zu grossem Fuss lebe, dieser Fussabdruck aber immerhin etwas kleiner wurde). Diese Überlegungen streicheln mein Ego als Gutmensch, doch darum geht es nur ganz am Rande. Ich will mich nicht besser darstellen als Andere. Nur schon mich zu messen oder zu vergleichen lehne ich ab. Menschen sind einzigartig und die Ökobilanz ist nur ein ganz unwesentliches Qualitätsmerkmal.

zu viele Gedanken?

Irgendwer sagte einmal: "Wenn ich glücklich bin, denke ich nicht. Wenn ich viel nachdenke, bin ich nicht glücklich." Vermutlich hat das was, obwohl es ja auch einen Unterschied zwischen nützlichen und unnützen Gedanken gibt.

In den letzten Wochen war ich jedoch sehr viel am Nachdenken. Die GmbH-Gründung kostet mich viel Gedankenarbeit. Es gibt so viele Entscheidungen die getroffen werden müssen und dabei fühle ich mich oft etwas überfordert oder alleine gelassen. Es handelt sich dabei um Juristenkram, der mir a priori zu wider ist und um sogenannte "strategische Entscheide" die ich auch nicht sonderlich mag. Gerne hätte ich dabei etwas Unterstützung durch meine zukünftigen Geschäftspartner doch diese halten sich vornehm zurück. Das hat verschiedene Gründe. Erstens soll meine bisherige Einzelfirma in eine GmbH umgewandelt werden und da möchten meine Partner die Entscheidungen mir überlassen, so dass es für mich stimmt. Zweitens bin ich über 15 Jahre älter als meine Partner und drittens werde ich ja auch zukünftig das Zepter der GmbH in der Hand halten. Deshalb drehen sich viele Gedanken um die Zukunft und den weiteren Auf- und Ausbau von Bike Butler.

Das ist letztendlich auch verknüpft mit meiner persönlichen Gedankenwelt. In den letzten Jahren versuchte ich stetig mein Leben zu vereinfachen. Damit habe ich sehr gute Erfahrungen gemacht und deshalb leide ich etwas unter der Tatsache, dass die GmbH mein Leben nun verkompliziert. Es steigen die gesetzlichen Anforderungen und damit auch die Kosten. Das heisst, von den relativ bescheidenen Einnahmen bleibt weniger übrig und deshalb müssen die Einnahmen steigen, damit am Schluss gleich viel (oder gleich wenig) heraus schaut. Das wird eine Herausforderung.

Während der recht vielen Leerzeiten in denen ich auf Kunden lauere, drehen sich deshalb oft die Gedanken um die oben angesprochenen Themen. Es sind aber auch gute Momente um sich meditativ zu beruhigen und Vertrauen zu tanken. Denn soweit bin ich mit mir im reinen: Ich bin dran, bemühe mich und habe -zumindest bisher- keine groben Fehler begangen. Die Entwicklung stimmt bisher, also kein Grund sich "zu viele" Gedanken zu machen.

in sich gehen

Ursprünglich war die Idee meiner Sommereise ja doppeldeutig. Erstens wollte ich mal über längere Zeit alleine Rad fahren und zweitens wollte ich mir auch Zeit nehmen um über mich, meine Lebenssituation und meine Zukunft nachzudenken. Während der Reise ist jedoch der zweite Aspekt völlig untergegangen. Nicht dass ich dies nicht bemerkt hätte, doch ich hatte einfach nie die Ruhe und Gelassenheit um irgendwo einmal etwas länger zu bleiben und von physischer auf psychische Aktivität umzustellen. Es ist halt viel einfacher, einem physisch immer gleichen Trott zu folgen, als sich quasi auf das Nichts einzulassen.

Hinzu kommt, dass Velo fahren an sich so ziemlich keine geistigen Anforderungen stellt und man während des Pedalierens viel Zeit hat um Gedanken nachzuhängen. Ich redete mir also ein, dass ich so quasi zwei Fliegen mit einer Klappe schlage. Ich fahre und gehe gleichzeitig in mich. Was natürlich Quatsch ist und so in der Realität nicht funktioniert. Auch wenn Velo fahren nur wenig Geist beansprucht, so absorbiert einem die ganze Szenerie doch so stark, dass man sich nicht nebenbei "voll" auf sich konzentrieren kann. Das habe ich schon auch bemerkt.

Dann kam irgendwann der Zeitpunkt wo ich dachte, den "in sich gehen" Teil verschiebe ich auf die Zeit nach meiner Rückkehr. Zuhause habe ich alle Ressourcen und brauche mich am wenigsten um andere Dinge zu kümmern. Oder wenn, so weiss ich zuhause meist einfach und schnell, wie sich "Dinge" erledigen lassen. Soweit ein guter Plan.

Nun bin ich seit dreieinhalb Wochen wieder da und bin noch keine Spur von in mich gegangen. Im Gegenteil. Ich verstrickte mich sofort in viele kleine Äusserlichkeiten und kompensierte möglichst jeden Verzicht, den ich in den Wochen zuvor verspürte. Ich zündete ein kleines Feuerwerk an Aktivitäten und versuchte somit wohl auch dem Moment der Ruhe und der Sammlung aus dem Weg zu gehen.

Wie durch Geisterhand verzögerten sich nun aber fast alle diese Projekte. Die Gärtner haben keine Zeit, die Baumaterialien für das Gartenhaus haben Lieferfristen und auch sonst sind ein paar angerissene Ideen ins Stocken geraten. Was mich anfänglich etwas ärgerte, sehe ich mittlerweile eher als versteckten Wink des Schicksals um wirklich einmal inne zu halten und wirklich in mich zu gehen. Ich komme persönlich nämlich nicht weiter, wenn ich einfach so weiter mache wie bisher oder wie vor der Reise.

Natürlich geniesse ich die momentane Situation, dass ich nicht meinem bisherigen Berufsalltag nachgehen muss und über einen nahezu maximalen Freiheitsgrad verfüge. Freiheit bedeutet aber auch die Verantwortung dafür, dass man sie nutzt und nicht einfach nur die Zeit verplämpert. Es interessiert nicht mehr die Freiheit "wovon", denn es gilt nun herauszufinden, "wofür" die Freiheit genutzt werden soll. Dieses "wofür" ist jedoch mein wunder Punkt.

Schon seit zwanzig Jahren stelle ich mir die Frage, was denn mir und meinem ganz persönlichen Glück besser entsprechen würde als das, was ich bisher tat. Weil ich bis anhin darauf keine (mich erfüllende) Antwort finden konnte, reduzierte ich mein berufliches Engagement auf den Faktor Broterwerb. Das hat gesellschaftlich und finanziell recht gut geklappt, doch irgendwie bin ich mir selbst dabei abhanden gekommen. Ich fühlte mich zusehens eingesperrt in einen Alltag den ich nicht liebte und deshalb nicht mit dem Herzen bei der Sache war.

Nachdem mich die Umstände nun aus dieser Situation befreit hatten, genoss ich während der zweimonatigen Sommerreise diese Freiheit. Nun war ich frei von... Das alte Berufsleben ist nun wirklich abgestreift. Mit 48 Jahren hoffe ich doch sehr, dass ich noch eine ganze Menge Leben vor mir habe und diese Zeit möchte ich nun wirklich so einsetzten, dass es für mich persönlich stimmt. Ich bin nämlich der Überzeugung, dass ich so zu einem authentischeren Leben finden kann und dies hätte für alle positive Auswirkungen. Ich wäre zufriedener und ausgeglichener, was sich auch positiv auf meine Mitmenschen auswirken würde. Es wäre also für alle besser, wenn ich meine nächste berufliche Tätigkeit gemäss meinen inneren Neigungen und Bedürfnissen wählen würde und nicht nach Verdienst, Ansehen, Kosten/Nutzen.

Vermutlich schrieb ich dies schon früher in meinem Blog: "Leider" habe ich keine hervorstehenden Talente oder eindeutige Neigungen. Es gibt nichts wovon ich denke: "Das wollte ich schon immer machen! Nun mache ich es endlich!" Ich weiss nur, dass ich mich bisher nie wirklich wohlfühlte indem, was ich tat.

Nun stelle ich aber auch eine gegenläufige Tendenz fest. Es gibt Zukunftsangst und Gedanken von Resignation. Davon, dass ich kaum glaube, dass mir mein Sinn des Lebens durch etwas Meditation und in-mich-gehen so einfach zufallen wird. Wenn es mir 20 Jahre nicht gedämmert hat, weshalb sollte dies nun in ein paar Wochen oder Monaten der Fall sein? Ausserdem wird es mit der Jobsuche immer schwieriger, je länger ich damit zuwarte. Irgendwie drängt es mich, mich wieder möglichst rasch in einen Berufsalltag einzugliedern und somit mein finanzielles Fundament nicht zu gefährden (und meine Rente sicher zu stellen). Am bisher höchsten Punkt der Freiheit sehne ich mich nach einem nächsten Schuhkarton... Es ist einfacher sich über Mauern zu beklagen als sich auf freiem Feld zu bewegen... Aber es nützt nichts. Es ist mir wichtig. Ich muss da durch.

Bis jetzt habe ich erst eine einzige Bewerbung verschickt, für einen Job, der rein gar nichts mit dem zu tun hat, was ich bisher machte. Etwas ganz Anderes. Kein Büro, kein PC, keine Planung, keine Projektleitung. Eine Arbeit die Aufmerksamkeit fordert und sinnvoll ist. Der sich einfach erschliessende Nutzen der Tätigkeit ist das, was mich reizt. Natürlich bin ich gespannt, ob sich daraus wirklich etwas entwickelt. Ich weiss nicht, ob dies mein Traumberuf werden wird aber es war bisher die einzige realistische Idee, die viele meiner Kriterien erfüllt. Hier im Internet werde ich jedoch erst nach einer gefällten Entscheidung verraten, worum es geht.

In der Zwischenzeit muss ich wirklich versuchen, den Fokus von "Aussen" auf "Innen" zu verlegen und meine inneren Fühler wieder wachsen lassen. Nur so kann ich mir, meiner Begabung und Einzigartigkeit auf die Spur kommen. Erst wenn ich diese erkannt habe und ausleben kann, kann ich zur vollen Blüte kommen und somit mein Leben und das Leben meiner Mitmenschen bereichern.

Die Geschichte mit dem Gewicht

Vor genau zwei Jahren schrieb ich den Beitrag "Die Geschichte von der Waage". Im Januar dieses Jahres zeigte diese Waage dann zeitweise 99,x Kilo an. Die Vitaltrainerausbildung war fertig, ich hatte mehr Zeit und ich nutzte einen Teil dieser Zeit für vermehrte sportliche Aktivitäten. Fitnesscenter mit Pilates und Power-Yoga kam dazu, genauso wie Ansätze zu gesünderem Essen (asiatisch mit Wok, mehr Gemüse, Früchte, weniger Kohlenhydrate, weniger Zucker, weniger Fett). So sind dann einige Kilos geschmolzen und Anfang August war ich 10 Kilo leichter und bei 89,x Kilo angelangt. Das war super! Seit den Ferien hat mich nun aber der Appetit auf Süsses wieder eingefangen und so zeigt momentan die Waage meist um 91,x Kilo.

Damit reduzierte sich mein Body Mass Index auf aktuell (91kg: 1,92m: 1,92m=) 24,7. Das heisst ich verbesserte mich von übergewichtig (>25) in den Bereich des Normalgewicht (20-25). So weit, so schön. Ich muss aber schon etwas aufpassen, dass ich bis Ende Jahr nicht wieder in den Bereich um 95 Kilo vorstosse. Das wäre unschön. Momentan definiere ich mich gewichtsmässig so: Unter 90 Kilo ist mein Wunschgewicht. Zwischen 90 und 95 Kilo liegt wohl mein Normalgewicht und über 95 Kilo ist zu dick.

Mal sehen, wie es in weiteren zwei Jahren aussieht.

Bewegungslektion

Um 18:30 Uhr startete unsere bisher 26. Lektion Power-Yoga. Seit Anfang Jahr besuchen Karin und ich regelmässig am Montagabend eine Stunde Pilates und mittwochs die Stunde Power-Yoga. Ich geniesse diese selbst verordnete Bewegung denn sie tut mir gut, ungelenk, wie ich bin...

Montags, in der Pilateslektion, liegt man oft auf der Matte und macht Übungen mit angehobenen Armen oder Beinen. Dabei wird die Bauch- und untere Rumpfmuskulatur sowie der Beckenboden trainiert. Dabei komme ich leicht ins schwitzen.

Mittwochs jedoch, bin ich nach den 50 Minuten Power-Yoga richtig fertig. Trotz der 26 Lektionen schaffe ich vieles noch immer nur im Ansatz. Mit den Händen komme ich vorne runter bei gestreckten Beinen noch immer nicht bis zum Boden. Egal. Ich mag die Dynamik der verschiedenen Übungen. Das Halten von Positionen zwischendurch erscheint mir oft als sehr, sehr lang. Da lerne ich auszuhalten, zu leiden und gleichzeitig zu entspannen, zu ertragen. Alles zusammen. Während der Lektion zittern oft meine Muskeln, der Atem geht schwer und der Schweiss tropft mir von der Stirn. Zum Schluss ist mein T-Shirt meist völlig durchgeschwitzt. Ich werde richtig durchgeknetet. Das mag ich!