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Gigathlontag 7: Bulle - Schwarzenburg

Der letzte Tag begann sonnig und es zeichnete sich ein Hitzetag ab. Marina schwamm als erste bei Nion im Genfersee, worauf sich Thomas mit dem Rennvelo auf den Weg nach Chatel-St-Denis machte. Wir andere packten die Zelte zusammen und fuhren mit dem Teamfahrzeug nach Chatel-St-Denis. Schon auf der Autobahn stockte der Verkehr vor der richtigen Ausfahrt und der Gigathlon legte dieses Dorf für ein paar Stunden lahm. Mehrere 100 Fahrzeuge zwängten sich durch die Strassen und alle mussten kurz anhalten um den Inlinescater von Bord zu lassen. Wir fuhren dann weiter nach Bulle, wohin der Rennradfahrer per Shuttle nachfolgte. In Bulle war der Parkplatz mehrere Kilometer von der Wechselzone entfernt und ich wollte mir noch etwas Zeit lassen, bis ich mich für meinen letzten Einsatz bereitmachte.

Ich telefonierte mit meiner Frau und gab ihr in etwa den Zeitplan durch. Die Inlinescaterin ist vermutlich noch etwa 1,5 Std. unterwegs und ich brauche wohl gegen 4 Stunden für die Fahrt nach Schwarzenburg, meinem heutigen Zielort. Es ist kurz nach zwölf Uhr Mittag, macht also Zielankunft zwischen fünf und halb sechs Uhr. Dann ziehe ich mich um, packe das Duschzeug für Thomas ein und mache mich auf den Weg zu der Wechselzone. Das zieht sich... ich bin bestimmt schon 20 Minuten unterwegs und ich sehe die Wechselzone noch aus einiger Entfernung als das Handy klingelt. Sabrina fragt aufgeregt wo ich sei. Katrin sei soeben in der Wechselzone eingetroffen und warte auf mich. Nein! Das gibt es doch gar nicht! Sie ist schon da und ich habe weder das Bike aus der Tasche gepackt, noch die Beleuchtung montiert, noch den Trinkrucksack gefüllt, noch sonst etwas. Ich beginne zu rennen und bei der Wechselzone suche ich den Bikepark. Hinter dem Gebäude. Mist. Ich renne fast in Thomas hinein und er hilft mir das Bike auszupackten und fahrfertig zu machen. Ich drücke ihm den Duschsack und den Autoschlüssel in die Hände und laufe los in Richtung Wechselzone. Katrin wartet schon fast 10 Minuten. Sie übergibt mir den Zeitmesschip, den ich mir ans Bein binde und wünscht mir viel Glück...

Das Höhenprofil zeigt heute nochmals einen richtigen Berg und mit 55 Kilometern und 1'600 Höhenmetern geht das bestimmt mächtig an die Substanz. Ich kann es mir also nicht leisten ohne zu trinken zu fahren und halte am nächstbesten Brunnen nach dem Start schon wieder an. Rucksack ausziehen, Trinkblase rausnehmen, aufschrauben, unter den Wasserstrahl halten und warten bis 1,5 Liter Wasser drin sind. Trinkblase wieder zuschrauben, in den Rucksack fummeln, diesen verschliessen und wieder anziehen... da gehen locker nochmals drei Minuten ins Land. Ich könnte heulen. Das geht mir jetzt völlig an die Nerven. Die Sonne brennt heute ganz mächtig und ich kann die Anstiege nur noch langsam bewältigen. Ich kann nur wenige überholen, während ich sehr oft überholt werde. Dabei fällt mir auf, dass nur ganz wenige Licht am Bike montiert haben, obwohl es im Streckenbeschrieb doch heisst: "Beleuchtung obligatorisch" wegen Durchfahrt eines unbeleuchteten Tunnels. Doch das kann nicht sein. Der Tunnel hätte schon längst kommen sollen. (Abends hörte ich dann, dass am Morgen im Festzelt gesagt wurde, dass man keine Beleuchtung braucht, weil es eben nicht durch diesen Tunnel geht). Noch ein Flop meinerseits.

Die Strecke hoch nach La Berra wurde immer steiler und die letzten etwa 200 Höhenmeter mussten geschoben und getragen werden. Der ausgesetzte Weg führte an der prallen Sonne so steil nach oben, dass fahren schlicht unmöglich war. Es ist etwa halb drei Uhr Mittag und bestimmt über 30° Grad heiss. Was für eine Schinderei! Am höchsten Punkt sitzen ein paar Genussbiker am Wegrand und feuern uns an. Sie essen Wurst und Brot aus dem Rucksack und geniessen die herrliche Panoramasicht. Genauso, wie ich das auch gern tun würde. Doch ich kann nicht. Ich bin Teilnehmer eines Rennens und muss so schnell wie möglich ins Ziel...

Kurz nach dem Kulminationspunkt folgt der einzige Verpflegungsposten des heutigen Tages. Ich halte an, esse Banane und Riegel und versuche Vali anzurufen. Es sind noch 26 schwere Kilometer bis zur nächsten Wechselzone und ich schätze mal, dass ich noch etwa 1,5 Stunden brauche. Das Handy macht keinen Pieps. Ich wähle die Nummer nochmals und warte... wieder nichts. Erst jetzt bemerke ich: Kein Netz! Das gibt es doch nicht! Ein Punkt in der Schweiz ohne Mobile-Empfang? Und das ausgerechnet hier und jetzt? Ich verschenke also nochmals zwei Minuten. Unglaublich. Macht zusammengezählt schon 15 verblödete Minuten Überzeit! Ich komme an den Rande eines Nervenzusammenbruchs.

Der weitere Streckenverlauf ist coupiert und anspruchsvoll. Da es Samstag ist, hat es viel mehr Zuschauer als bisher und man wird immer wieder angefeuert, was mir richtig gut tut und mich trägt. Ich leide ganz enorm und muss wirklich beissen. Vor der letzten Abfahrt gilt es sich nochmals zu konzentrieren, denn schon im Streckenbeschrieb wird gewarnt: "steile, technische Abfahrt, Vorsicht!" Ich will etwas Zeit gutmachen und lasse die Bremsen offen! Rodeo! Das schüttelt ganz gewaltig und plötzlich registriere ich aus einem Augenwinkel, dass ich irgendetwas verliere. Ich versuche anzuhalten, was in diesem steilen Gelände aber bestimmt noch 50-60 Meter braucht. Ich kontrolliere das Bike und sehe, dass ich das Akkupack der Beleuchtung verloren habe. Die Lampe ist noch am Lenker, doch die Akkutasche ist weg. Diese war per Klettverschluss um den Vorbau befestigt und hat sich nun scheibar losgerüttelt. Mist! Das Teil ist erstens nur ausgeliehen und zweitens teuer. Ich gehe zu Fuss den Hang wieder hoch und suche mit den Augen die Gegend ab. Wo kann es in etwa gewesen sein, wo kann er hingerollt sein? Die Verzweiflung kriecht wieder hoch. Fahrer an Fahrer ziehen an mir vorbei. Ich suche verzweifelt und beginne zu schluchzen... So eine Schei...! Ich finde den Akku nicht mehr, habe aber wieder über 5 Minuten verschenkt. Ich laufe runter zum Bike, packe die Lampe in den Rucksack und mache mich auf die letzten Kilometer. Ich bin am Ende! 20 Minuten habe ich heute verschenkt! Mindestens!

Ich trete so stark ich kann in die Pedale und schon bald fahre ich in Schwarzenburg in die Wechselzone ein. Vali wartet gutgelaunt und macht sich mit dem Zeitmesschip bewaffnet auf die Schlussetappe nach Bern.

Ich bin völlig kaputt. Ich schluchze noch immer und bin wie ausgetrocknet. Die Sonne war einfach hammerhart. Ich stütze mich aufs Bike und ringe nach Luft. Ich bin wirklich fix und foxi fertig. Am Rivella Stand trinke ich drei Becher ex und nehme nochmals zwei Becher mit. Thomas, Sabrina und Marina kommen auf mich zu und stützen mich. Ich muss in den Schatten! Thomas bringt mein Bike in den Bikepark und die Mädels lotsen mich zu einer Festwirtschaft im Schatten. Wo ist meine Frau? Es ist 15 Minuten vor fünf Uhr. Sie ist also noch unterwegs. Nochmals überkommen mich die Tränen der Enttäuschung. Heute war fast alles schief gegangen. Zum Glück hatte ich nicht auch noch einen Plattfuss oder sonst eine Panne. Das hätte ich nur noch schlecht verkraftet.

Die anderen konnten meine Enttäuschung nur teilweise verstehen. Ich war gesund im Ziel, unser Schlussläufer auf dem Weg nach Bern und alle Ampeln stehen auf grün. Kein Grund also den Kopf hängen zu lassen. Wir wollten gesund in Bern ankommen und das sollten wir auch schaffen. Es gibt also Anlass zur Freude, nicht zur Traurigkeit. Als meine Frau dann ankommt und mich umarmt ist meine Welt wieder in Ordnung. Danke.

Wir machen uns mit dem Teamauto auf den Weg nach Bern auf das BEA-Gelände bei den Wankdorf-Sportanlagen. Da war der Zieleinlauf und viele interessierte Zuschauer feuerten alle kräftig an. Nach der Ziellinie dann die freudigen Umarmungen, das Champagner spritzen, das Wissen, am Ziel zu sein. Wir haben alle unsere Big5-T-Shirts angezogen und auch Valentins Shirt mitgenommen. Ein paar hundert Meter vor dem Ziel warten wir auf ihn, damit wir dann die letzten Meter dieses Abenteuers gemeinsam zurücklegen können und alle gemeinsam, als Team, über die Ziellinie laufen. Nun war die Zeit des Geniessens gekommen, denn es war nun wirklich geschafft! Team Big5 ist am Ziel!

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Kommentare

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coffee am :

glückwunsch nochmal von mir an euch 5 für dieses event :-)

spoony am :

Oh Beat, doch noch ein Krimi zum Schluss! So wie Du locker die ersten Etappen beschrieben hast, denkt man, dass dich nichts erschüttern kann. Danke für die Super Berichte! Habs sehr genossen hier mitzulesen.

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