Die Macht der Worte

Ich verlinke hier einen Beitrag, den ich vor ziemlich genau 12 Jahren geschrieben habe. Nicht, dass mir dies damals zum ersten Mal aufgefallen wäre, es ist einfach der erste diesbezügliche Beitrag in diesem Blog. Einen interessanten Artikel zu der Bedeutung von Worten, Metaphern und der Sprache an sich findet sich hier, bei ZEIT ONLINE. Ich finde das noch immer ein sehr spannendes Feld... auch die im Artikel erwähnte Verbindung zwischen Muttersprache und Weltsicht... wirklich lesenswert.

Seit dem verlinkten Blogeintrag und heute hat sich mein Verhältnis zu Wort und Sprache insofern verändert, dass ich den Worten (seien sie gesprochen oder geschrieben) nicht mehr so viel Bedeutung und Wert beimesse wie früher. Ich verstehe Worte viel mehr als Etiketten, als Um- oder Beschreibungen von Etwas. Der Absender/Sprecher/Schreiber steht eigentlich immer in einem anderen Kontext/Umfeld als der Empfänger/Hörer/Leser und deshalb ist es ja per se sehr unwahrscheinlich, dass genau das verstanden wird, was ausgedrückt werden will. Aber das nur am Rande.

Ich habe mir also über die Jahre angewöhnt, dass ich alles nur noch als Beschreibung wahrnehme. Eine Beschreibung von Wirklichkeit/Wahrheit, die als solches gar nicht beschrieben werden kann, weil es dafür gar keine Worte gibt. Natürlich gibt es treffendere/wahrere Beschreibungen und unzutreffendere "Fake-News" oder eben Lügen. Es ist schon gut, über ein gewisses Mass an Urteilsfähigkeit zu verfügen um relativ schnell die Spreu vom Weizen oder eben die Lüge von der Wahrheit zu unterscheiden. Nur muss man halt auch enerkennen, dass es in Worten keine absolute Wahrheit gibt (denn wie gesagt: Sprache ist im besten Fall die treffende Beschreibung von Wahrheit, nie jedoch die Wahrheit an sich).

Spannend finde ich, dass sich durch diese Erkenntnis über die Jahre eine gewisse geistige Entspannung eingestellt hat. Die ergab sich daraus, dass ich selber zu wählen begann, worauf ich meinen Fokus lenke und welche Etiketten ich den Ereignissen/Dingen/Geschehnissen anhefte. Hmmm, wie kann ich das am besten erklären? Schwierig...

Als erstes verzichtete ich auch negative Worte und Bewertungen. Ich sah ein, dass mir diese nichts bringen. Es zieht mich mental eher runter und einfach nur "recht haben" hat keinen Wert an sich. Als nächstes versuchte ich auf spontane negative Reaktionen positive Gegen-Gedanken zu entwickeln. Als Beispiel: Ein Glas fällt runter und zersplittert auf dem Küchenboden. Erste Reaktion: "So ein Mist!" Gegengedanke: "Zum Glück habe ich mich nicht geschnitten". Irgendwann kam mir das etwas gekünstelt vor und ich merkte, dass überhaupt keine gedankliche Reaktion nötig war. Dinge geschehen einfach, egal was ich darüber denke. Auch negative Gedanken sind nur Gedanken. Erst meine Beurteilung macht sie negativ oder positiv. Heute akzeptiere ich diese Gedanken weil ich weiss, dass sie wieder verschwinden. Ich brauche sie nicht mit positiven Gedanken zu verdrängen. Sie verschwinden von selbst. Diese Erkenntnis ist entspannend...

Noch besser fand ich, als ich irgendwann realisierte, dass alle Bewertungen sich mit der Vergangenheit beschäftigen, die ich (egal was ich darüber denke) nicht mehr ändern kann. Es lohnt sich also überhaupt nicht, negativ über Vergangenes nachzudenken. Es beeinflusst höchstens noch die Zukunft in negativer Weise. Und als Nächstes: Zukunftspläne machen nur auf praktischer Ebene Sinn. Man kann nicht planen, wie man sich fühlen wird. Auch wenn man sich einen angestrebten Erfolg noch so rosig ausmalt, man weiss nicht, wie man sich dann wirklich fühlt. Und eine irgendwie gelagerte Erwartungshaltung bietet nur Möglichkeiten der Enttäuschung -> das habe ich mir aber anders vorgestellt! Kurz zusammengefasst: Nicht über Vergangenes nachgrübeln, situativ beurteilen und entscheiden und "nach bestem Wissen und Gewissen" planen und handeln. Und die Krönung: Trotz Planung und Berechnung ergebnisoffen bleiben und zumindest versuchen, keine Erwartungshaltung zu entwickeln.

Das alles trug zu meiner inneren Beruhigung bei. Und: Es lernte mich zu Vertrauen. Es geht nicht ohne ein Grundvertrauen in das Leben an sich. Vielleicht klingt das naiv doch ich gehe nicht davon aus, dass mich alle nur zu ihrem eigenen Vorteil bescheissen wollen. Genausowenig denke ich, dass die Natur oder die Umwelt uns feindlich gesinnt ist. Natürlich gibt es Umweltkatastrophen die einem treffen können und Menschen die einem schaden wollen aber vom Ansatz her ist einfach alles Potenzialität/Möglichkeit. Wertneutral. Weder gut noch schlecht. Ängstlichkeit und Übervorsichtigkeit sind schlechte Berater weil man dann immer auf der Hut (im Abwehrmodus) sein muss. Mit Grundvertrauen lässt sich alles entspannter angehen.

Jetzt bin ich aber ziemlich abgeschweift...

Also: Gedanken sind Worte. Diese Worte gewinnen mit gemachten Erfahrungen an Bedeutung und lösen in uns entsprechende Assoziationen und Bilder aus. Deshalb sind Worte auch mächtige Instrumente, mit denen wir beeinflusst werden. So lösen Worte wie z.B. "Personenfreizügigkeit" und "Überfremdung" ganz unterschiedliche Bilder in uns aus, auch wenn damit unter Umständen das Gleiche gemeint ist. Mächtige Menschen, Anführer und Politiker wissen das ganz genau und beeinflussen uns deshalb mit gezielt eingesetzten Worten um bei uns die gewünschte Reaktion auszulösen.

Es kann also nur helfen, wenn wir den Worten an sich nicht zu viel Glauben schenken und sie etwas aus Distanz (als Etiketten) betrachten. Es sind nur Worte. Beschreibungen einer Realität aber nicht Realität an sich.

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