Seblengrat

Um es gleich vorneweg zu nehmen: Glarner sind beinharte Typen! Was für viele Biker als unfahrbar gilt, ist für Glarner immer noch ein schwarz gepunkteter Trail. Doch schön der Reihe nach.  

Ich war wie geplant sehr früh unterwegs und wie man an der GPS-Aufzeichnung ablesen kann, startete ich schon um 07:41 Uhr beim Bahnhof Schwanden, im Kanton Glarus. Ich bin die rote Linie im Uhrzeigersinn gefahren. Anfangs war es mit 15° Grad noch ziemlich frisch, doch der wolkenlose Himmel kündigte einen schönen Sommertag an.

Die etwa 10 Kilometer bis nach Linthal steigen nur ganz leicht an und sind ideal um etwas einzurollen. Es gibt einen meist asphaltierten Radweg, welchen ich vor drei Wochen auf der Klausen-Pragel-Strassentour in die entgegengesetzte Richtung fuhr, doch ich hatte in der Karte gesehen, dass direkt entlang der Linth ein Wanderweg angelegt ist und mit dem Mountainbike wollte ich natürlich da entlang fahren. Das war eine super Idee. Wunderschön führt der Weg immer direkt am Wasser nach hinten ins Tal und ehe man sichst versieht, ist man schon am Fusse der Klausenpassstrasse.

Es folgen 600 Höhenmeter auf etwa acht Kilometer direkt auf der Passstrasse und ich bin froh, dass nur wenig Fahrzeuge unterwegs sind. Kurz vor Urnerboden zweigt dann eine kleine Nebenstarsse ab. Nebst vielen Wanderwegweiser ist da auch gut sichtbar ein Bikeschild. Strecke Nr.7. Da bin ich richtig. Die Strasse wird immer steiler, ich schalte auf das kleine 20er Kettenblatt und kurble die knapp dreihundert Höhenmeter bis zum ersten Bergpreis des Tages eher gemütlich hoch. Die Morgensonne knallt richtig an den Hang und ich bin wirklich froh, so früh unterwegs zu sein. Dann folgt ein erster schwarz gepunkteter Downhill. Was auf den ersten Metern noch gemütlich beginnt, wird unvermittelt sehr steil und steinig. Ausserdem ist der Weg enorm von Kühen zertreten und hat teils tiefe Löcher. Ich musste anhalten und den Sattel absenken um etwas mehr Bewegungsfreiheit und Sicherheit zu erhalten. Ja, nicht schlecht der Weg! Das war doch schon mal was. Vor der Hauptsteigung des Tages wollte ich in Braunwald eine Pause einlegen und schon von weit her sah ich die schöne Aussichtsterasse des Hotels Tödiblick. Ideal. Ich setze mich in den Schatten und bestelle ein zwei Rivella. Dazu esse ich ein Gipfeli und geniesse die tolle Aussicht. Quizfrage: Wie heisst der Berg im Hintergrund?

Die ersten 1'000 Höhenmeter waren geschafft und ich wusste, dass nun der schwere Teil noch kommen wird. Von Braunwald bis zur Bergstation auf dem kleinen Gumen sind es etwas über 500 Höhenmeter, alles auf kleinen Schotterwegen. Zwar steil, doch durchwegs fahrbar. Von der Bergstation weg, bis zum Höhepunkt des Tages, dem Seblergrat sind es dann noch etwa 100 Höhenmeter, die ich fast vollständig schieben muss. Es ist einfach zu steil und zu ausgesetzt. Als ich dann direkt am Seblergrat stand musste ich natürlich ein Gipfel-Foto machen. Schon während des fotografierens fragte ich mich, wie es denn dahinter weitergehen wird, denn irgendwie blickte man in ein leeres Nichts und dann bereits wieder an die Felswände des Glärnischmassivs. Geht man ein paar Schritte weiter und blickt nach rechts, kann man sich den weiteren Tourenverlauf vorstellen. Ich habe dafür eine rote Linie in das Foto gezeichnet. Es geht gleich furchtbar steil bergrunter und Steinstufen wechseln sich mit tiefen Kuhtritten ab. Heftig. Ich muss ein paar Mal absteigen, einmal davon unfreiwillig. In einer tiefen Wanderwegrinne bin ich mit dem Pedal an einer Wurzel hängengelieben, worauf das Bike unvermittelt stehen blieb und ich mich nicht oben halten konnte. Ein langsamer Überschlag ohne Bike nach links war die Folge. Zum Glück traf ich einen Busch mit Alpenrosen und nicht einen grossen Stein. Es war nichts passiert und ich konnte gleich weiterfahren.

Kurz vor dem Oberblegisee, da wo das Profil von bergab nach bergauf wechselt, kam ich an einer schmucken Alphütte mit Bewirtung vorbei. Es sassen bereits ein paar Wanderer unter den Sonnenschirmen und da es mittlerweile schon nach zwölf Uhr war, nutzte ich den Moment für eine längere Pause. Ich bestellte mir einen Glarner-Hirsch-Salsiz mit Brot und trank dazu 1 1/2 Liter Mineralwasser.

Mir war schon aufgefallen, dass der offizielle Bikeweg hier talwärts nach Luchsingen führt, doch ich hatte ja noch weitere Pläne. Ich wollte am Oberblegisee vorbei hoch bis zum Leuggelstock, wieder etwas runter und dann bis zum oberen Guppen. Dabei stellte ich fest,dass meine Einschätzung vom Seblergrat gestimmt hatte. Das war unfahrbar. Das heisst: Bis zum Oberblegisee konnte ich noch abschnittsweise fahren, dann war schieben und später auch tragen angesagt. Lange und heftig! Eineinhalb Stunden schieben und tragen, mittags von 13 bis etwa 14:30 Uhr, ohne Schatten, ohne Wind. Das fand ich hart (was man mir wohl auch ansieht). Das Bild rechts ist ein Blick zurück, vom Leuggelstock über den Oberblegisee zum Seblengrat. Noch härter fand ich dann jedoch die Tatsache, dass ich auch die ersten etwa 100 Höhenmeter bergrunter das Bike tragen musste. Hier fragte ich mich dann, wer auf die Idee gekommen ist, diesen Weg in der Swiss Singletrail Map einzuzeichnen. Ein Wanderer? Sicher gibt es technisch bessere Biker als mich, doch unter einer Stunde schieben/tragen, kommt da auch ein Crack nicht weg. Wie auch immer. Endlich folgte der Schlussdownhill, auf dem 900 Höhenmeter innert vier Kilometer vernichtet werden, was theoretischen 25% Gefälle entspricht. Also richtig steil und demzufolge fast permanent auf der Bremse.

Die Scheibenbremsen begannen zu glühen und zu quitschen und ich glaube, dass auch das Öl in den Federelementen kräftig warm gekriegt hat, doch es hat alles tip-top gehalten. Fast alles, denn irgendwann hatte ich das Gefühl, hinten Luft zu verlieren. Ich habe angehalten und tatsächlich, da war vielleicht noch etwa 1 bar drin, mehr nicht. Ich drehte das Rad und sah, wie an einer Stelle der Reifenflanke, die Dichtflüssigkeit nach aussen drückt und Blasen bildet. (Simon hat mich davor gewarnt. Der Racing Ralph Reifen hat papierdünne Seitenwände und schrammt man damit an einem scharfkantigen Stein entlang, gibt es schon mal Plattfüsse). Einem Schlauch hätte das vermutlich nichts ausgemacht. Ich überlegte, was ich tun konnte. Soll ich gleich den Reifen öffnen und einen Reserveschlauch montieren oder soll ich erst einmal nachpumpen und schauen, wie lange es hält? Eigentlich sollte die Dichtmilch das Loch verschliessen können (wünsche ich mir). Ich pumpe also kurz nach und fahre weiter. Das klappt recht gut und erst am Fusse des Downhills pumpe ich ein zweites Mal. Das hält dann locker noch bis zum Auto.

Kurz vor halb vier Uhr bin ich dann zurück beim Auto. Ich war gesamthaft sechseinhalb Stunden unterwegs, wovon das GPS fünfeinhalb Stunden Bewegung registrierte. Ich denke mir, dass ich etwa dreieinhalb Stunden fahren konnte und fast zwei Stunden geschoben und getragen habe... Dieser hohe Schiebe-Anteil führt dazu, dass ich diese Tour wohl kaum wiederholen werde. Bis zum Seblengrat ist die Tour wirklich sensationell schön und empfehlenswert. Danach sollte man besser auf der offiziell ausgeschilderten Bikestrecke bleiben. Die Variante Leuggelstock oberer Guppen lässt man besser sein. Landschafts- und Panoramamässig hat diese Tour aber wirklich die Note 1A verdient. Das GPS sagt: 49 km., 5:42 Std., 2'200 Hm.

Noch ein paar Worte zum Tallboy. Berghoch auf Asphalt fährt es sich super. Auf der Passstrasse hatte ich Dämper und Gabel blockiert und konnte so recht effizient hochkurbeln. Extreme Singletrail-Steigungen, wo ich die kleinsten Gänge fahre, sind nicht so der Hit. Das Vorderrad will deutlich rascher abheben, als am Spider29. Ich muss zudem ganz kosequent nach vorne auf die Sattelspitze rutschen, sonst bin ich einfach zu hecklastig und so lassen sich zum Beispiel Serpentinenkehren berghoch fast nicht bewältigen. Wie gesagt. Es ist nicht schlecht, doch ich muss mich daran gewöhnen. Bergrunter fährt es sich dafür wirklich sicherer als das Intense. Dabei merke ich vor allem die deutlich steifere Front. Das Tallboy-Vorderrad lässt sich punktgenau steuern und auch beim starken Bremsen oder in engen Bergab-Sepentinen verwindet sich nichts. Das ist wirklich ein Unterschied. Wäre also noch das Schlauchlos-Thema. Hmm... Was soll ich sagen? Eigentlich finde ich schlauchlos gut, doch der Racing Ralph Reifen ist dafür weder gebaut, noch sonderlich geeignet. Ich muss morgen mal schauen, wie ich das wieder richtig dicht kriege.

Kommentare

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rotscher am :

Da hast aber eine tolle Tour hingelegt. Ich kann dir nachfühlen, denn das Glarnerland ist einfach überall mega steil. Also nur für solche die sich quälen wollen ;-)
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Roger am :

Ein toller Bericht und chapeau für deine Leistung...
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Thomas am :

Antwort auf die Quizfrage: Ortstock! Wäre bestimmt eine schöne Wanderung, auch ohne Bike :-)
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beat am :

Du machst mich jetzt unsicher. Ich war der Meinung, dass dies der Tödi ist. Das Hotel heisst ja Tödiblick...
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Thomas am :

Den Tödi sieht man bestimmt auch vom Hotel aus, aber das ist definitiv nicht der Tödi :-)
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Spoony am :

Besten Dank Beat für diesen Bericht. Darin gibt es ja einige Erkenntnisse zu 29er Racing Ralph und Tubeless, zum Tallboy und zum üblichen Geschiebe auf schwarzen Singletrailmap Tracks!
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david am :

Super Bericht über eine scheinbar super Tour. Die Fotos sind echt gut und machen Lust auf die Berge. Hast du die Route eigentlich zuhause anhand der Karte geplant, oder etwas aus dem Internet heruntergeladen?
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beat am :

Ich fand auf gps-tracks.com eine ähnliche Tour, doch die war mir zu kurz (für die Auto-Anreise). Deshalb habe ich die Tour anhand der Singletrailmap selbst gezeichnet. Siehe auch den Beitrag vom Mittwoch.
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